Stärkenorientiert denken

SI

Ein paar Worte zum heutigen Autistic Pride Day.

Ich muss gestehen, dass ich mit dem Begriff Pride wenig anfangen kann, auch wenn ihn viele Autisten oder Aktivisten anderer Pride Days anders einordnen. Weder habe ich mir ausgesucht, wo ich geboren wurde (= Nationalstolz) noch, dass mir bei der Geburt ein zusätzliches X-Chromosom zugewiesen wurde (= „XXY pride“) noch dass ich Autist bin (= „autistic pride“).

Meine Identität nehme ich so an wie sie ist. Ich arbeite an meinen Schwächen, ich werbe für meine Stärken. Unter den genannten Stärken von andereren BloggerInnen, z.B. BloggerAspekte, Sinnesstille oder Something Autrageous, möchte ich heute eine besonders hervorheben: Spezialinteressen!

Meine Spezialinteressen habe ich auf diesem Blog bereits hinreichend geschildert. Durch die Fülle an speziellen Themen habe ich bei den richtigen Gesprächspartnern Unmengen an Gesprächsstoff. So lähmend oft Smalltalks sind, so erfüllend empfinde ich den Austausch bei ähnlich gelagerten Interessen. Mein Wissen habe ich mir immer autodidaktisch erarbeitet, d.h., ich beschränkte mich nicht auf das, was mir im Studium serviert wurde, sondern wollte immer mehr wissen. Wissensdurst, Neugierde hat die Fähigkeit, Kommunikation zu ermöglichen, die sonst sehr schwierig ist.

So schwer mir Kontakte mit anderen Menschen fallen, so leicht geht es mir, einen Wissenschaftler eines Fachgebiets, das mich interessiert, anzuschreiben. Bisher habe ich fast ausschließlich positives Feedback erhalten, wertvolle Rückmeldungen, auch in Gebieten, in denen ich Laie bin (z.B. Genetik oder Diagnostik), bzw. höchstens soweit fortgeschritten, wie man das ohne Studium sein kann. Diese Blicke über den Tellerrand sind auch ein Vorteil, weil man „outside the box“ denkt. Deswegen empfand ich Wahlpflichtfächer im Studium als sehr lehrreich, und auch in der Sportphysiologie gab es z.B. Analogien zu meteorologischen Sachverhalten. Ich kann großen Ehrgeiz entwickeln, sehr viele Informationen zu beschaffen, viele Quellen anzuzapfen und bei Bedarf auch nachzufragen, ob ich ein bestimmtes Paper bekommen kann.

Manchmal entwickle ich auch eigene Theorien, die sich später durchaus als haltbar erweisen, selbst wenn ich gar nicht vom Fach bin. Diese Vorgehensweise darf man nicht als das nonplusultra sehen. Respekt vor dem Expertenwissen anderer ist wichtig und notwendig, aber Respekt darf nicht zur Unterwürfigkeit führen. Der berühmte Physiker Richard Feynman hatte den Mut, offen auf die damaligen Physikkoryphäen seiner Zeit zuzugehen, und hat sich dadurch Respekt und Gehör verschafft. Wenn ich sehe, wie krampfhaft manche Diagnostiker an den schriftlichen Kriterien festhalten und dabei vergessen, das Verhalten des Menschen zu beobachten, oder wenn sie überhaupt keine Ahnung haben, was sich in den vergangenen 30 Jahren an Erkenntnisgewinn in ihren Fachbereichen getan hat, darf Unterwürfigkeit auch nicht dazu führen, diese Inkorrektheit zu bestärken. Das betrifft alle Themen. Von Marie von Ebner-Eschenbach stammt das Zitat:

Wer aufhört, besser zu werden, hört auf, gut zu sein.

Ein Studium ist ein ewiger Prozess, der nicht mit dem Titel abgeschlossen ist. In manchen naturwissenschaftlichen Gebieten sind neue Erkenntnisse seltener, in anderen häufiger, für die Autismus-relevanten Themen Genetik und Neurologie steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen, was man auch daran erkennt, dass sich diverse Studien immer wieder gegenseitig widersprechen. Ich kann daher gar nicht annehmen, dass der heutige Wissensstand in Stein gemeißelte Aussagen postuliert. Unklare Aussagen sind bei Menschen jedoch grundsätzlich unbeliebt, ein Dilemma, das mich auch in meinem Beruf als Meteorologe immer wieder vor Herausforderungen stellt, möglichst viel auszusagen und sich doch eine Hintertür offenzuhalten.

Zurück zum Thema Spezialinteressen. Autisten können massenweise Informationen anhäufen, die unnütz erscheinen, aber sich irgendwann im Laufe des Lebens doch als sinnvoll erweisen können. Und selbst wenn nicht, wir lernen auch so viel anderes Wissen, das wir nie wieder brauchen. Spezialinteressen entspannen mich. Andere brauchen einen Faulenzertag auf der Couch, ich gebe mich der Recherche hin oder schreibe meine Tourenberichte. Für jemand wie mich ist so ein Spezialinteresse somit eine win-win-Situation, ich entspanne mich dabei, lade den Akku neu auf UND lerne gleichzeitig hinzu, darf kreativ sein, komme mitunter in den Glückszustand des „flows“. Eine Menge wundervoller Dinge können aus Spezialinteressen entstehen.

Wenn ich am heutigen Tage eines mitgeben möchte, dann stärker auf die Spezialinteressen zu schauen. Denn wenn ich in meinem Element sein darf, also über meine Interessen rede, treten meine autismustypischen Schwierigkeiten in den Hintergrund. Eine rein defizit- und diagnosefixierte Analyse erfasst den autistischen Menschen niemals (!) vollständig. Im deutschsprachigen Kulturkreis West- und Mitteleuropas ist es leider immer noch üblich, zuerst auf die Herkunft und die Schwächen zu schauen, nicht auf die Stärken. Es ist längst höchste Zeit, das zu ändern!

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Ein Gedanke zu “Stärkenorientiert denken

  1. Elisabeth Thaler 19. Juni 2016 / 12:52

    Danke für dein Statement!

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