Sechs verlorene Jahre?

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Sechs Jahre studierte ich im schönen Innsbruck – mit unbegrenzten Möglichkeiten, sich alpin auszutoben. 27 Wanderungen habe ich gemacht, die meisten im Sommer und Herbst. In den vergangenen Monaten hatte ich wieder öfter die Gelegenheit, in meine alte Heimat zurückzukehren, die ich eher als Heimat empfand als den Ort meiner Kindheit und Jugend. Ich wurde dort so sesshaft, dass ich nicht mehr aus Österreich zurückkehren wollte. Erinnerungen an die Studienzeit habe ich aber kaum noch. Es war ein langer Selbstfindungsprozess – lange vor der Diagnose Asperger. Heute trauere ich ein wenig der Zeit hinterher, als ich die Natur vor der Nase hatte. Ich habe es ziemlich wenig genutzt. Die damalige Onlinesucht hatte mich tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang an den Computer gefesselt. Mit dem Wissen von heute, speziell um autistische Eigenheiten und Schwierigkeiten, relativiert sich die Sucht ein wenig, denn ich flüchtete ins Internet, weil ich mit der Welt draußen nicht zurechtkam. Ich meidete schon damals die Menschenmassen, fühlte mich unsicher auf der Straße, in unbekannten Vierteln, traute mich selten von bekannten Orten weg. Paradoxerweise brauchte ich die Nähe anderer Menschen beim Wandern, hatte sonst chronisch Ängste alleine im Wald – so weit hinauf, dass ich baumfreies Gelände erreichte, kam ich damals selten. Ein Kindheitstrauma vielleicht.

Mein Bewegungsradius war begrenzt. Kleidung einkaufen, shoppen gehen so gut wie nie (alleine), alleine essen gehen? Fast undenkbar. Erst spät ging ich regelmäßiger in ein Veranstaltungslokal, aber selbst dort musste immer ein Platz irgendwo am Rand frei sein. Ränder haben allerdings oft den Nachteil, dass sie vom Kellner übersehen werden. Bis ich zahlen und das Lokal verlassen konnte (und kann, ich sitze immer noch am liebsten am Rand), dauerte es oft ewig. Jetzt erinnere ich mich auch wieder daran, dass ich in der lauten, wuselnden Mensa ebenfalls am liebsten am Rand saß, möglichst weit von anderen Menschen weg. Nichtautisten setzen sich dagegen meist irgendwo hin, wo eben frei ist, aber ohne Respektabstand zu den anderen. Ich erinnere mich an die Schwierigkeiten mit Gruppenarbeit, mit Fragen stellen, an Konzentrationsmängel während Vorlesungen, potenziert durch Umgebungslärm (Abrissarbeiten, Umbauarbeiten, allfällige Handwerkertätigkeiten). Ich war viel alleine, selten ergab sich eine Wanderung mit Kommilitonen. Denn ich war zu untrainiert und ängstlich für anspruchsvolle Bergtouren, aber auch zu ambitioniert, um einen Spaziergang im Talboden zu machen. Dazwischen gab es kaum jemand. Und alleine hatte ich wieder diverse Ängste, die selbstständige Touren verunmöglichten.

Innsbruck ist eine sportliche Stadt. Ich erlebte das zuletzt wieder. Die meisten Studenten sind hier zum Skifahren und Bergsteigen, und andere Alpinsportarten zu praktizieren. Aber auch Nichtstudenten sind sportlich sehr aktiv, Mountainbiker trifft man selbst dort, wo man als Wanderer schon konzentriert gehen muss. Die Stadt ist fit. Was habe ich die sechs Jahre dort eigentlich gemacht? Viel Rad gefahren, zumindest zwischen den Vorlesungen pendelnd. Sonst aber verbrachte ich die meiste Zeit vor dem Computer. Ich möchte nicht sagen, dass ich diese sinnlos verbrachte, denn ich schrieb dutzende, hunderte Wetteranalysen und Fallstudien. Dutzende Texte, in denen ich Wetterphänomene laien- und fortgeschrittenengerecht aufbereitetete. Ich schrieb Gedichte und Kurzgeschichten, führte schon damals mehrere Blogs und Webseiten. Ganz für die Fische war der Onlineexzess definitiv nicht. Mit Computerspielen konnte ich noch nie etwas anfangen. Was heute Twitter ist, war früher das Chatten über die damals bekannten Messenger und andere Chats. Nur war es zu viel Chat. Ich las immer weniger die gekaufte Fachliteratur, ich lernte zu wenig, ich verpasste sogar markante Wetterereignisse, weil ich lieber am PC saß denn aus dem Fenster schaute. Ich bereue heute, nicht genügend Disziplin entwickelt zu haben, um öfter rauszugehen. Andererseits ist diese Disziplinlosigkeit auch die Folge der exekutiven Dysfunktionen, die Planen, Organisieren, Dranbleiben so schwer machen. Darum bin ich auf meine Listen angewiesen.

Letzendlich scheitert es auch daran, dass mich niemand kontrolliert, ob ich meine To-Do’s auch wirklich erledige. Ein Partner im Leben (oder eine Assistenz) könnte das leisten. Denn wenn ich Besuch habe, mich zum Wandern verabrede oder sonstige gemeinsame Aktivitäten anstehen, bin ich sehr diszipliniert und ziehe es in der Regel durch. Der Mangel eines Lebenspartners hat mich damals depressiv gemacht und noch mehr zum Einigeln verdammt, denn ich konnte den stetigen Anblick der vielen (studierenden) Pärchen nicht ertragen. Seit der Diagnose, eigentlich schon eine Weile davor, als ich verstärkt anfing, mich mit Autismus auseinanderzusetzen, habe ich das Thema Partner für mich abgehakt. Seitdem ist es leichter auszuhalten, wenn Bekannte und Freunde ihre Freundinnen mit dabei haben. Nur Kinder überfordern mich immer noch, und oft ist es frustrierend, wenn familienbedingt kaum noch Treffen zustandekommen. Ich lebe jetzt schon sehr lange alleine und auch wenn es finanziell für mich eine große Entlastung wäre, in einer WG zu wohnen, kann ich mir das mit einem Nichtautisten kaum noch vorstellen. Ich brauche meine Rückzugsorte, meinen Freiraum und vor allem nicht ständig Besuch und Party. WG-Erfahrung hatte ich bereits gesammelt, und die war leider durchwegs negativ, was auch daran lag, dass es keine klaren Regeln und Verpflichtungen gab. Listen, Listen, Listen. Ohne Listen geht es nicht. Klare unmissverständliche Anweisungen ohne zu großen Interpretationsspielraum. Diese muss ich ständig einfordern – eine Herkulesaufgabe.

Sicherlich ging auch etwas weiter im Studium, ein stetiger Reifeprozess. Lebenserfahrung, wenn auch so lange noch im Unklaren darüber, wer ich wirklich bin und warum ich so oft mit anderen Schwierigkeiten hatte. Eine frühere Diagnose hätte zumindest die eigenen Selbstzweifel gemindert. Leicht ist das Leben als Autist nie. Nur sehr wenige Menschen können ihr Wissen über Autismus auf den Alltag übertragen. Aufklärung alleine genügt nicht, die Anwendung ist und bleibt ein Minenfeld für beide.

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Ein Gedanke zu “Sechs verlorene Jahre?

  1. blutigerlaie 6. Juni 2016 / 16:03

    Vielen Dank für den offenen Text, und dafür, daß du neben dem Stichwort „Sucht“ auch das Wieso und Woher und das Für und Wider beschreibst! Ich kann dir zustimmen: ich weiß im Nachhinein auch nicht mehr, was ich meine Jugend lang gemacht habe, allein, ohne PC… und ich kenne es sehr gut, das Listen-Phänomen. Wenn ich weiß, was mein Bereich ist und wie ich den plane: kein Problem. Aber flexibel sich abwechseln, geht fast immer schief…
    Viel Glück dir weiterhin!

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