Stimming: Gesellschaftlich akzeptiert oder nicht?

wippen

In einer kürzlichen Talksendung wurde neben anderen Diskussionsteilnehmern eine Frau eingeladen, die einigen Zuschauern vor allem dadurch auffiel, dass sie – die Knie übereinandergeschlagen – unablässig mit dem Fuß wippte. Durch die Kameraeinstellung stand das Wippen recht penetrant im Vordergrund, was in sozialen Netzwerken zu entsprechenden Kommentaren veranlasste, bis hin dazu, das Wippen doch bitte einzustellen.

Jetzt zählt Wippen noch zu den harmloseren Varianten von Stimming. Neben schädlichen Angewohnheiten und selbstschädigendem Stimming gibt es auch an sich harmlose, aber gesellschaftlich verpönte Varianten, dazu zählen z.B. Händeflattern (Kreiselbewegungen, Schüttelbewegungen mit den Händen), schaukeln, Kugelschreiber klicken, Stifte zerbeißen, sonstige Körperbewegungen.

Stimming erfüllt, wie im verlinkten Beitrag erläutert, einen wichtigen Zweck, nämlich meist um äußere, manchmal auch innere Reize auszuhalten. Stress, Druck, Reizüberflutung sorgen für erhöhte Anspannung und Herzschlag. Im Gegensatz zu Nichtautisten leiden Autisten häufig unter permanenter Anspannung durch Reizüberflutung, die zudem intensiver und daher schmerzhafter empfunden werden kann als bei Nichtautisten. Das ergibt sowohl einen qualitativen als auch quantitativen Unterschied, der sich nicht mehr so leicht überspielen lässt. Bedenkt etwa, dass ein „hochfunktionaler“ Autist nicht nur während der Bürozeiten unter erhöhter Anspannung steht (soziale Interaktion, Bürogeräusche, Stress), sondern auch im Alltag, etwa bei den Fahrten mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Einkaufen, beim Gehen entlang einer Straße, zuhause je nach Umgebung der Wohnung. Diese Dauerbelastung kennen viele Nichtautisten meist nicht – jedenfalls nicht in der Stärke. Die Essenz des Ganzen ist, dass ein Autist viel eher Stimming benötigt oder anwendet, um dieses Übermaß an Reizüberflutung auszuhalten.

Gesellschaftlich anerkanntes Stimming ist das vor sich hin Summen, Unruhiges Hin- und hergehen (z.B. auch während Telefongesprächen), Wippen/schnelles auf- und abbewegen der Beine/Füße. Zwar nicht anerkannt, aber häufig praktiziert werden außerdem Nägelkauen, Lippenkauen, sich irgendwo am Kopf kratzen oder durch die Haare fahren, usw.

Wichtig:

Stimming (Selbststimulierendes Verhalten) ist bis auf die verlinkten Ausnahmen ein unschädliches Werkzeug, das dem Stressabbau dient. Denn nicht immer befindet man sich in einer Situation bzw. kann eine derartige schaffen, indem man den Reiz entfernt. Bestenfalls wäre das die erste Hilfe bei einer Reizüberflutung (Overload). Einem Autisten zu sagen, er soll sein – für andere – nervtötendes Stimming abstellen, kann sich höchst kontraproduktiv auswirken, nämlich zu einem Meltdown oder Shutdown führen. Eher kann man noch versuchen, es durch ein gleichermaßen wirksames, dafür unauffälligeres Stimmingverhalten zu ersetzen – aber an erster Stelle steht die Toleranz! Denn der Autist macht das nicht, um andere zu ärgern, sondern strenggenommen ärgern andere eher ihn und er versucht damit klarzukommen. Die wenigsten Autisten trauen sich oder finden die passenden Worte, um sich über bestimmte Reize zu beklagen bzw. darum zu bitten, spezifische Reize zu verringern oder zu entfernen. Sie ertragen es daher oft, obwohl sie innerlich schon platzen.

Stimming ist unabhängig von der Intelligenz!

Der wippenden Diskussionsteilnehmern hätte niemand nachgesagt, dass sie geistig behindert sei, nur weil sie ununterbrochen mit dem Fuß gewippt hat. Ein Mensch jedoch, der schaukelnd dasitzt oder ständig mit den Händen flattert, wird hingegen oft für geistig behindert bzw. unintelligent betrachtet. Noch dazu mit einer Sprachbehinderung oder überhaupt einer völligen Abwesenheit an verbalen Kommunikationsfähigkeiten. Dabei ist beides weitgehend unabhängig voneinander. Ein bekanntes Beispiel für eine nonverbale, aber intelligente Autistin ist Carly Fleischmann, die vor kurzem eine eigene Interviewserie über YouTube gestartet hat. Aber es betrifft auch als Asperger-Autisten, die nach außen hin sehr auffälliges Stimming zeigen, aber normal bis hochintelligent sind, und sehr wohl in der Lage sind, ein Gespräch zu führen, auch wenn vielleicht spezielle Rahmenbedingungen wie reizarme Umgebung und abgeklärte Fragen bei einem Interview notwendig sind.

Nicht alle Autisten betreiben notwendigerweise Stimming. Dieses unter repetitiven, stereotypen Verhaltensweisen eingeordnetes Symptom ist nur ein Aspekt. Auch Routinen und Rituale, etwa Essens- und Waschrituale, fallen in diese Symptomgruppe. Es kann also durchaus die Diagnose Autismus geben, ohne dass (auffälliges) Stimming vorliegt. Und selbst ein völliges Fehlen „repetitiven Verhaltens“ spricht nicht zwingend gegen Autismus, sofern die anderen Symptome erfüllt sind und über die gesamte Lebenszeit beobachtet wurden (also seit der Kindheit vorhanden waren). In Fall von meinem 47,XXY-Autismus (also mit zusätzlichem X-Chromosom verbunden) hat eine Studie bei 51 XXY-Männern nachgewiesen, dass repetitives Verhalten insgesamt seltener vorkommt als bei Autisten ohne bekannte Ursache (idiopathischer Autismus). Einen qualitativen Unterschied im Erscheinungsbild gibt es sonst aber nicht. Du würdest auf der Straße und selbst bei näherem Kennenlernen nicht unterscheiden können, wie viele Chromosomen Dein autistisches Gegenüber aufweist. Auch decken sich zahlreiche Schilderungen meinerseits auf diesem und anderen Blogs, u.a. auch über Reizüberflutung und Overloads, gemäß der vielen Rückmeldungen offensichtlich mit jenen von idiopathischen Autisten.

Umgebungsreize auch trotz Stimming nicht zwingend bewältigbar

Zumindest eine Schlussfolgerung lässt sich aber eher nicht ziehen: Dass stimmende Autisten besser mit Umgebungsreizen klarkommen als weniger stimmende Autisten. Manchmal wurde Autisten in der Kindheit das Stimming auch als Störverhalten abgewöhnt, in manchen Fällen auch während verhaltenstherapeutischer Maßnahmen, die z.b. auf ABA basieren – wenn es – ich betone das explizit – nicht darum ging, ein schädliches Stimmingverhalten durch ein unschädliches zu ersetzen (wie es die autistische Bloggerin Kirsten Lindsmith im verlinkten Beitrag vorschlägt), sondern gänzlich abzustellen, um unter „normalen“ Kindern nicht mehr aufzufallen. Ich betreibe selbst kaum Stimming bzw. nicht in der Qualität wie viele andere Autisten, und leide unter Reizüberflutung. Andere betreiben viel Stimming, leiden aber ebenso unter Reizüberflutung. Einen Zusammenhang hat Temple Grandin z.B. in ihrem Buch „The autistic brain“ (Link: Zusammenfassung des vierten Kapitels) beschrieben. Vermutet wird, dass bei extremer Reizüberflutung Stimming so stark werden kann, dass altersgerechtes Lern- und Sozialverhalten nicht möglich ist. Radikale Behavioristen setzen dann darauf, einzig und alleine das Stimming abzustellen, während eine umsichtige und im gegenseitigen Respekt stattfindende Therapie darauf Rücksicht nimmt, dass Autisten eine andere Wahrnehmung zeigen und die Umgebungsfaktoren miteinbeziehen. An erster Stelle sollte das Wohlbefinden des Klienten stehen, nicht die Ansprüche aus gesellschaftlichem Normdenken. Erst später kann man darüber nachdenken, gesellschaftlich akzeptiertere Verhaltensweisen anzutrainieren – zumindest für den Fall, dass kein inklusives Umfeld existiert oder später in Anspruch genommen werden kann (leider eher die Regel als die Ausnahme). Aber selbst dann ist Zwang der falsche Weg. Besser erklären, als Vorbild dienen, motivieren, z.B. kann man sich antrainieren, Leute zu grüßen, wenn man einen Raum betritt, um nicht als unhöflich wahrgenommen zu werden. Es sollte jedoch keinesfalls der Zwang entstehen, nachfolgend Smalltalk zu führen. Auch Blickkontakt oder Umarmungen zählen jetzt nicht zu überlebenswichtigen Verhaltensweisen und fallen zumindest für mich nicht unter die oft zitierten „lebenspraktischen Fertigkeiten“, die in Verhaltenstherapien nach ABA-Methode gelehrt werden sollen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Stimming: Gesellschaftlich akzeptiert oder nicht?

  1. Elisa 28. Januar 2017 / 11:25

    Zum Stimming mag ich kurz etwas sagen: „Nervtötend“ bei anderen kann es dahingehend sein, dass es die Belastungsfähigkeit eines anderen Menschen auch über das maximale Maß bringen kann. Das Einfordern von Verständnis könnte man hier vice-versa ansetzen. Wobei dies gerade nicht unbedingt hilfreich sein muss. Deshalb wäre es sinnig sich Hilfe zu suchen und das Stimming in eine Form umzulenken, die das Umfeld nicht in den Wahnsinn treibt. Denn solche Formen gibt es in der Tat, die die anderen an die Grenze ihrer Machbarbeit bringen.

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.