Ist Synästhesie bei Autismus häufiger?

Vor meiner Beschäftigung mit Autismus hatte ich noch nie etwas von Synästhesie gehört. Ich kenne auch ausschließlich Autisten mit Synästhesie. Das ist natürlich keineswegs repräsentativ. Es wird geschätzt, dass etwa 4 % der Weltbevölkerung eine Synästhesie hat. Autismus betrifft etwa 1 % der Weltbevölkerung. Wenn beide Erscheinungsformen voneinander unabhängig wären, sollten sie gemeinsam nur bei 4 von 10 000 Menschen auftreten.

Eine im November 2013 erschienene Studie von Simon Baron-Cohen und weiteren untersuchte erstmals die Häufig von Synästhesie bei Autisten. Sie fanden 31 von 164 mit Autismus und Synästhesie – fast drei Mal häufiger als in der Kontrollgruppe (7 von 97).

Man spricht von Synästhesie, wenn die Empfindung eines Sinnesreizes automatisch eine Reaktion eines anderen Sinnesreizes auslöst. Am häufigsten betrifft es Wörter oder Geräusche, die Farben auslösen.Beispielsweise sieht eine Person Farben, wenn sie Töne hört. Manche erfahren sogar mehr als einen Typ von Synästhesie.

Beispiele für Aussagen von Synästhetikern: 

  • Der Buchstabe q ist dunkelbraun.
  • Der Klang einer Glocke ist rot.
  • Das Wort Hallo schmeckt wie Kaffee.
  • Zahnschmerzen sind wie ein Rechteck geformt.

Ein frühkindlicher Autist beschreibt seine Synästhesie so:

Gibt wörter die ich hasse weil die nicht gut sind also sehen nicht gut aus sind laut schmecken komisch und das.

Synästhesie fördert außerdem Overloads (Überlastungen) bei Autismus, wenn etwa eine verkehrsreiche Straße nicht nur als laut, sondern schillernd bunt-grell empfunden wird, also mehrfache Sinneseindrücke zusammenkommen. Ich kann das hier nur nüchtern beschreiben, weil ich keine Synästhesie aufweise. Für mich ist eine Hauptverkehrsstraße laut, und das ist bereits belastend.

Es wird zwischen ‚entwickelter Synästhesie‘ (genetisch vererbt und seit Geburt vorhanden) und ‚erworbener Synästhesie‘ (Erfahrungen erst später im Leben, etwa durch Drogen) unterschieden.

Bildgebende Verfahren für das Gehirn bestätigten, dass Synästhesie mit Unterschieden in der Gehirnstruktur und/oder -funktion verbunden ist. Nach der Hypothese der Hyperkonnektivität sind die Nervenverbindungen zwischen verschiedenen Regionen in größerem Ausmaß vorhanden als bei nicht betroffenen Menschen. Auch bei Autisten vermutet man verringerte Langstrecken-Nervenverbindungen, die mit einer Zunahme von lokalen Kurzstrecken-Nervenverbindungen einhergehen. Diese Hypothese könnte Aspekte von Autismus wie detailorientierte Verarbeitung erklären. Die Zunahme von lokaler Konnektivität könnte also sowohl bei Autismus als auch Synästhesie eine Rolle spielen.

10 % der Autisten zeigt Savant-Fähigkeiten und rund 50 % der Savants hat Autismus. Daniel Tammet, der sowohl Asperger als auch Synästhesie hat und als Gedächtnis-Savant berühmt wurde (er kann sich die Zahl Pi bis auf die 22 514. Nachkommastelle merken) regte die Hypothese an, dass das Savant-Syndrom dann entsteht, wenn Autismus und Synästhesie zusammentreffen. Sowohl ein außergewöhnlicher Blick fürs Detail als auch starke Systematisierung sind Produkte von übermäßig ausgeprägten Nervenverbindungen. Bisherige genetische Nachforschungen zeigen jedoch keinen eindeutigen Zusammenhang.

Eine weitere Studie zeigte, dass Synästhesie und absolutes Gehör bedeutende Überschneidungen beim Genotyp und Phänotyp zeigen. Auch ein absolutes Gehör tritt bei Autisten häufiger auf.

Die erhöhte Häufigkeit von Synästhesie bei Autisten könnte dadurch erklärt werden, dass Autisten tendenziell eher ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen erfahren als Nichtautisten. Unter den Personen mit beiden Phänomen befanden sich auch Autisten, die angaben, keine Synästhesie zu haben, aber aufgrund ihrer Antworten im Fragebogen Synästhesie aufwiesen. Die Autoren der Studie schlussfolgern, dass die Dunkelziffer an Synästhetikern bei Autisten eher höher als niedriger sein könnte.

Einschränkung: Die Studie war auf hochfunktionale, erwachsene Autisten beschränkt.

Fazit:

Autisten und Synästhetiker teilen sich eine von der Mehrheitsgesellschaft abweichende Wahrnehmung(sverarbeitung). Ein Zusammenhang ist denkbar, weil beide Phänomene häufiger vorkommen als statistisch erwartet, nachgewiesen werden konnte er bisher nicht.

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