Nicht annehmen, nachfragen!

nachfragen
Manchmal ist oben unten

Ein ungeouteter Autist im nichtautistischen Umfeld neigt bei ungünstigen Bedingungen zu einem enormen Leidensdruck. Sage ich nichts, gilt mein Verhalten als sonderbar. Habe ich mein „Coming Out“, werde ich womöglich mit Samthandschuhen angefasst oder mir wird im schlimmsten Fall nichts mehr zugetraut. Der Rat, bei derjenigen oder demjenigen nachzufragen statt ein fehlerhaftes Bild zu entwickeln, gilt unabhängig von Autismus. Zurückgezogenheit, Einsilbigkeit, Schwarzmalerei kann auch auf eine depressive Erkrankung hindeuten, und nicht nur auf chronische Unzufriedenheit oder Menschenhass.

Nachdem wiederholt betont werden muss, dass es sich bei Autismus um ein Spektrum mit enorm vielfältigen genetischen Ursachen und folglich individuellen Ausprägungen handelt, gibt es auch sehr viele, individuell verschiedene Verhaltensweisen, die bei manchen vorkommen, bei anderen nicht. Ich kann daher nur für mich sprechen.

In diesem Text soll es daher um Verhaltensweisen gehen, die für Nichtautisten auf den ersten Blick seltsam erscheinen und möglicherweise einen negativen Eindruck hinterlassen. Ich möchte hier verdeutlichen, dass jedes Verhalten einen Grund hat, den es zu hinterfragen gilt.

Blickkontakt meiden

Einem anderen Menschen in die Augen schauen ist für viele Autisten nicht selbstverständlich. Einige Autisten sehen bewusst am Gesicht vorbei, manche achten nur auf die anderen Gesichtspartien, manche sehen so bewusst in die Augen, dass es einem Starren ähnelt. Wenige haben den Blickkontakt tatsächlich trainiert, sodass Nichtautisten kein Unterschied mehr auffällt. Viele der autistischen Verhaltensweisen fußen auf der „Intense World“-Theorie, dem intensiven Einströmen verschiedenster Reize. Nichtautisten können wichtig von unwichtig unterscheiden und die Reize filtern. Dies nennt man auch den „Cocktailparty-Effekt“, sich trotz Lärmkulisse mit dem Gegenüber unterhalten können. Autisten haben eine Reizfilterschwäche, sodass Umgebungsreize entweder gleichwertig erscheinen oder intensiver wahrgenommen werden als bei Nichtautisten (was mehr zutrifft, darüber herrscht selbst bei Autisten Uneinigkeit). Augen transportieren sehr viel Information, was beispielsweise einer der Autismus-Diagnose-Tests, der Augenpartien-Test untersucht. Als Autist konzentriere ich mich jedoch schon völlig auf das Gesagte, sodass keine Aufmerksamkeit mehr für die Augen übrig bleibt. Unglücklicherweise kommunizieren Menschen zu über 70 % nonverbal, wodurch entsprechend Missverständnisse entstehen. Das hat mehrere Folgen:

  • Das Wegschauen ist keine Unhöflichkeit, sondern die Folge von zu viel Information. In die Augen schauen und gleichzeitig zuhören kann bereits überfordern.
  • Gesagtes kann leicht missverstanden werden (etwa Ironie), wenn Gestik, Mimik und Tonfall ebenfalls missachtet werden.
  • „Schau mich an!“ oder der Versuch, tatsächlich in die Augen zu schauen, kann dazu führen, dass Gesagte nicht oder nur noch unvollständig zu verarbeiten, leicht zu vergessen und sich später nicht mehr an das Gespräch zu erinnern.
  • In allen Fällen steigt das Risiko, den Gesprächsfaden zu verlieren, wenn Umgebungsreize hinzukommen und der Reizfilter kapituliert.

Die ideale Umgebung gibt es selten, weshalb viele Autisten lieber schriftlich als mündlich kommunizieren. Das führt mich zum nächsten Punkt …

Warum rufst Du nicht an?

Ein Telefonat klingt zunächst ideal für Autisten: Keine Gestik, Mimik zu interpretieren, nicht in die Augen schauen müssen. Tonfall und Gesprächsinhalt bleiben. Jedoch wissen Autisten mitunter nicht immer, wann sie mit dem Sprechen dran sind, es entstehen Pausen oder der Gesprächspartner wird unterbrochen. Je nach Umgebungsreizen entsteht wieder das Filterproblem und das Telefonat geht im Rauschen von Verkehrslärm oder dem Staubsauger im Büro unter. Auch das Rascheln des Papierkorbs kann bereits eine unerträgliche Lärmquelle darstellen. Wenn Autisten also zögern, ein Telefonat zu führen oder unzusammenhängende Sätze reden oder mit den Antworten stocken, dann kann Umgebungslärm dahinterstecken. Selbst wenn die Umgebungsfaktoren passen, müssen sich Autisten mitunter so stark auf das Gesagte konzentrieren, dass die Merkfähigkeit leidet. Ein schriftlicher Austausch beinhaltet zwar weiterhin die Gefahr von Missverständnissen, aber gibt dafür viel mehr Zeit zum Reagieren. Nachdenken, dann antworten, was in Echtzeit schwieriger ist, speziell wenn Umgebungsreize das Nachdenken stören. Einen Autisten bei großer Geräuschkulisse in ein Gespräch verwickeln bzw. wichtige Dinge besprechen, kann also ziemlich schiefgehen, und zu Antworten führen, die nicht gewollt sind, die mitunter unpassend oder gar folgenreich sind. Wenn es wichtig ist, mach es bitte (zusätzlich) schriftlich! Das ermöglicht das Reflektieren des Gesagten bzw. Geschriebenen.

Nun gibt es Berufe, wo Telefonate einfach dazugehören. Ich kenne auch Autisten, die schon in einem Callcenter gearbeitet haben. Feste Strukturen sind das Geheimnis vermeintlicher Undenkbarkeit! Immer die gleichen Gesprächsabläufe, die gleichen Fragen, ein festes Schema, sich am Telefon zu melden, nachzufragen, Antworten zu geben, sich zu verabschieden. Ebenso die Möglichkeit, sich etwas zu notieren, oder die Standardnachfragen „wie war Ihr Name nochmal?“, „Sind Sie Kunde von uns?“

Derartige Strukturen existieren in einem ungeplanten Telefonat nicht, etwa auch bei unerwarteten Anrufen. Ungewissheit macht Autisten meistens Angst und erhöht den Stress.

Das war jetzt ziemlich direkt …

Meistens sind kulturelle Gepflogenheiten so, eine heikle Sache nicht direkt anzusprechen, sondern herumzulavieren, die Kritik in blumige, diplomatische Worte zu kleiden, um den anderen bloß nicht zu brüskieren. Autisten neigen mangels Perspektivwechsel („Theory of Mind“) dazu, so von ihrer Sache überzeugt zu sein, dass sie zwingend davon ausgehen, dass das Gegenüber dies erkennen müsse. Für sie ist undenkbar, dass es nicht verstanden wird, oder gar ins Gegenteil verkehrt werden könne. Ich habe selbst schon die leidvolle Erfahrung machen müssen, dass in guter Absicht vorgetragene Kritik als „jammern“, „meckern“, „der ist nie zufrieden“ verstanden wurde, und nicht als ernsthaft gemeinte Anregung der Effizienzsteigerung eines Prozesses. Da gibt es jetzt mehrere Fettnäpfchen. In einer personenbezogenen Fehlerkultur dominiert das Beziehungsdenken, d.h., Fehler werden immer auf die Person bezogen es besteht kein Interesse, das System zu ändern, wenn sich doch nur die Person ändern müsse. Bei einer proaktiven Fehlerkultur hingegen dominiert das Sachdenken, das tatsächliche Interesse daran, das System für alle zu verbessern, sodass alle das Risiko minimieren, Fehler zu begehen. Autisten sind jedoch meistens überzeugte Sachdenker und erkennen nicht (sofort) die Art der Fehlerkultur. Denn bei personenbezogener Fehlerkultur wird Kritik immer persönlich genommen, und ohne Mitstreiter führt sie zwangsläufig zur eigenen Isolierung. In so einem Umfeld muss sich der Autist zwangsläufig anpassen, da er in der Regel nicht imstande ist, die Art der Fehlerkultur zu ändern.

Wenn der Spielraum dagegen größer ist bzw. eine wohlwollende Bereitschaft vorhanden ist, die Person nicht gleich zu verdammen, weil sie unverblümte, schonungslose Ehrlichkeit gezeigt hat, dann kann es bereits helfen, wenn der Nichtautist die geäußerte Kritik nicht zu nahe an sich heranlässt bzw. auf die Kernbotschaft reduziert („ich hätte es zwar anders ausgedrückt, aber im Kern meint er die Sache“).

Ich mag das jetzt nicht verallgemeinern, aber bei mir trifft recht genau das zu, was Rudy Simone in „Asperger’s on the Job“ schreibt. Ich kritisiere häufig, aber nicht, weil mir langweilig ist, sondern weil ich oft denke „das könnte man besser machen“. Autisten neigen zum Perfektionismus und vergessen mitunter dabei die Wortwahl bei ihrer Kritik.

Appell für Nichtautisten: Hör zu, was er sagt, nicht wie er es sagt!

Weiteres „wunderliches“ Verhalten …

Monologe: Auch mangels Blickkontakt und schlechter Reizfilter erkennt ein Autist mitunter nicht, wenn das Gegenüber gelangweilt vom Inhalt seines Monologs ist. Unterbrechungen erfolgen oft wenig subtil, indem der Gesprächspartner sich plötzlich abwendet und ein anderes Thema beginnt, oder wenn die Frage oder Aussage eines Dritten dazu genutzt wird, das Thema zu wechseln.

Smalltalk-Themen: Viele Autisten, wenn sie es nicht bewusst trainiert haben, tun sich schwer mit Smalltalk, mit „Wie geht’s Dir?“-Fragen, weil sie oft ehrlich darauf antworten, aber das gar nicht gewünscht bzw. gewollt ist. Ein „Gut, danke. Und Dir?“ kommt daher nicht so leicht von den Lippen wie bei Nichtautisten. Von den Höflichkeitsfloskeln abgesehen, in denen Autisten tendenziell den Sinn nicht erkennen, sind häufige Themen Wetter, Familie, Kinder, Urlaub, Garten, Haus, etc… Gerade Single-Autisten fällt es mitunter schwer, sich über das Familienleben anderer zu erkunden. Sie kennen es nicht und es interessiert sie auch nicht. Warum sollte ich etwas nachfragen, was mich nicht interessiert? Diese „soziale Kontaktpflege“ geschieht bei Nichtautisten hingegen intuitiv, es geht eben nicht darum, ob es mich interessiert, sondern um Symbolik. Die kulturelle Symbolik neurotypischen Zusammenlebens wird in Ian Fords „A Field Guide to Earthlings. An Autistic/Asperger View of Neurotypical Behavior“ erläutert. Er entschlüsselt sozusagen das Verhalten von Nichtautisten. Als Autist muss ich mir Smalltalk bewusst machen, bewusst anwenden. Das kostet Energie. Mitunter erzähle ich dann etwas, was zwar mich interessiert, aber für den anderen uninteressant ist, weil es untypisch ist.

Gemeinsame Pausen: Warum sitzt er lieber alleine im Pausenraum oder bleibt im Büro sitzen? Soziale Kontakte sind auf Dauer anstrengend. Unablässig müssen soziale Signale dekodiert werden, mitunter kommen Telefonate hinzu, zusätzliche Umgebungsreize, die Arbeit an sich. Der Akku ist irgendwann leer. Das Alleine sein ist dann notwendig, um den Akku wieder aufzufüllen. Das ist kein Affront gegen Dich oder Euch als Person, sondern das Bedürfnis nach Rückzugsmöglichkeiten. Nach Stille. Um anschließend wieder die gewünschte Leistung erbringen zu können.

Fluchtverhalten: Wenn ich geradewegs aus dem Raum stürme, kann es daran liegen, dass gerade die Reinigungskraft den Staubsauger anwirft oder die Mistkübel neu bezieht und dabei raschelt, oder dass gerade eine Menge Leute um mich herum gleichzeitig Gespräche führen. Auch das Radio mit penetrant wiederkehrenden Liedern oder ausschweifender Werbung kann mich in den Wahnsinn treiben. Ruhige Hintergrundmusik (z.B. reine Instrumentalmusik) oder Gemurmel kann hingegen beruhigen und andere, subtile Störgeräusche wie das Surren der Heizung, des Computers oder das Ticken der Wanduhr überdecken. In den meisten Fällen ist Flucht also die Folge eines Overloads durch zu viel Umgebungsreize, sei es technisch oder durch den Menschen verursacht.

Warum hat er nichts gesagt?

Das gilt für beide Seiten: Wenn dem Nichtautisten etwas wunderlich vorkommt, warum hat er dann nichts gesagt? Warum hat er nicht nachgefragt, ob es wirklich so gemeint war, wie er es wahrgenommen hat? Umgekehrt fragt der Nichtautist dann verwundert nach, warum man nicht längst etwas gesagt hat, wenn ein Verhalten oder eine Geräuschquelle irritierend bis störend war. Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Die Vorurteile gegen Autismus, die Annahme, Autisten seien geistig behindert, ihnen könne man nichts zutrauen. Die Angst davor, nicht mehr ernstgenommen zu werden, als ungeeignet betrachtet zu werden. Angsterkrankungen sind bei Autisten nicht ungewöhnlich, sondern eher die Regel. Dazu zählt auch eine soziale Phobie. Angst als Folge negativer Erfahrungen gerade in der Kindheit bis hin zu regelrechten Traumata. Manchmal muss man ihm oder ihr diese Angst erst nehmen, beruhigen, dass nichts passieren kann, wenn man eine Bitte äußert oder sich als Autist outet. Sehr wichtig ist aber auch die Bereitschaft nachzufragen, neugierig zu sein, die Person fragen statt nur auf Wikipedia oder anderen dubiosen Quellen nachzuschauen. Ich erlebe diesen Unterschied recht deutlich, zwischen Menschen, die wirklich Interesse daran zeigen, ihre Vorurteile oder Mangel an Wissen abzubauen, und Menschen, die von Beginn an in eine Abwehrhaltung gehen, für die es undenkbar ist, dass Autisten auf den ersten Blick unauffällig sind, normale Berufe haben können, studieren können, und die dennoch im Alltag auf Schwierigkeiten stoßen. Die erstere Spezies stellt Fragen, die ich mit Freude beantworte. Letztere fragt nicht weiter nach, vermeidet das Thema, und wenn ich antworte, breitet sich ein unangenehmes Schweigen aus.

Sei neugierig! Frag mich!

Solange ich die Bereitschaft des anderen, neugierig zu sein, nicht spüre, tue ich mir schwer mit dem Fragen, mit dem Bitten um in den meisten Fällen wirklich nicht unerfüllbarer Dinge. Autismus zeigt sich erst in der Interaktion mit anderen Menschen. Zur Interaktion gehören immer zwei. Ich bin ein Mensch, der sich freut, wenn nachgefragt wird, wenn nach Ursachen gefragt wird, wenn ich zum Thema Autismus gelöchert werde.

Ich behaupte, dass auch andere Autisten dankbar sind, wenn man sie direkt anspricht, wenn einem etwas wunderlich erscheint. Das ist in jedem Fall besser als ein falsches Bild von jemanden zu entwickeln, das sich immer weiter zementiert und zum Nachteil der autistischen Person wird.

Frage an die Leser: Wie denken andere Autisten darüber? Was fällt Euch noch an Verhalten ein? Gerade nonverbale Autisten müssen beinahe zwangsläufig anders kommunizieren. Reine Verhaltensmodifikation ohne die Ursachen zu berücksichtigen ist hier sicherlich fehl am Platz.

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2 Gedanken zu “Nicht annehmen, nachfragen!

  1. blutigerlaie 27. April 2016 / 14:51

    Das wichtigste in Kürze!
    Was weiter, hmmm … Festhalten an Gepflogenheiten, Regeln. Gerechtigkeitsstreben. Gespräch ist auch schwer, wenn die Stimme zu emotional ist (auch wenn freundlich). Zuviel wiederholt wird. Alles was implizit, indirekt oder „selbstverständlich“ ist oder unvermittelt geändert wird.
    Konferenzen /Teamsitzungen /freie Rundengespräche wo nicht klar ist wer wann was zu sagen hat /man sich in ein Gespräch einschalten muss FROM HELL.
    Kurzer smalltalk ist nicht weiter schlimm, aber unverhofft neben dem Kollegen eine Treppe raufgehen kann im Desaster enden. Generell Beginn und Ende eines Kontakts, da entstehen in secBruchteilen grobe Missverständnisse. Wie dem Kollegen klarmachen, daß man ihn schätzt, wenn man spontan grob und unnahbar wirkt?

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  2. lizzzy07 29. April 2016 / 18:55

    Was ich den andern immer wieder sage: „Wenn euch was stört, sagt einen Ton!“ Oder auch, dass Informationen scheinbar bei mir nicht ankommen. Und dann rege ich mich drüber auf. Die Leute um mich rum wundern sich dann manchmal, dass ich aus der Mücke den berühmten Elefanten mache. Einfach weil meine Reaktion als unverhältnismäßig wahrgenommen wird.

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