Essen gehen: Probleme und Tricks

lokale

Single-Autisten erleben das unter verschärften Bedingungen. Ich muss mich selbst ernähren können, eine Alternative gibt es nicht. Manchmal hilft ein Lieferservice des Supermarkts, um die Einkäufe zu erledigen. Dann aber gibt es auch Situationen, wo ich nicht umhin komme, aktiv Essen zu beschaffen, etwa auf Reisen, oder wenn der Kühlschrank leer ist.

Essen bestellen

Essen bestellen ist notgedrungen mit zweifacher Kontaktaufnahme verbunden, die erste beim Beantworten der Türglocke, die zweite beim Öffnen der Wohnungstür. Davor bin ich meist unruhig, schaue ständig auf die Uhr, laufe ständig zur Tür und zum Fenster, werde dann doch von der Türglocke aufgeschreckt, hastig Geld abzählen. Je nach Tagesverfassung ist mir bereits die Bestellung zu viel, etwa, wenn ich gerade gar keinen Menschen sehen mag. Ich benutze nur Online-Bestellungen, weil ich dann in Ruhe das auswählen kann, was ich möchte. Bei Anrufen habe ich immer Angst, etwas falsch zu verstehen oder dass meine Bestellung missverstanden wird, weil ich mich selbst undeutlich ausdrücke.

Lokalbesuche in der Stadt

Für einen Lokalbesuch müssen für mich wenigstens ein paar der folgenden Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Nichtraucher (in Österreich existiert noch kein Rauchverbot)
  • von außen gut einsehbare Plätze (im Sommer: Gastgarten; im Winter: Glasfront), um vorab festzustellen, ob etwas frei ist
  • freie Tische am Rand, damit ich einen guten Überblick habe und nicht alle an mir vorbeiwuseln wie bei Tischen in der Mitte
  • kleine Tische, damit sich niemand zu mir setzt (gerade im Gastgarten Einrauchgefahr)
  • Nischenplätze, weil dann weniger Menschen sich an mir vorbeiquetschen und ich auch akustisch von anderen Tischen abgeschirmt bin.
  • nicht zu voll und nicht zu laut, sonst verstehe ich weder Gesprächspartner noch Kellner. Für mich sind alle Geräusche gleich laut und ich brauche wesentlich länger zum Verarbeiten und Entziffern des Gehörten als ich Zeit für eine Antwort hätte. Das ist sehr anstrengend.

Was passiert, wenn das Lokal voll ist und ich beispielsweise jemanden treffen will? Ich versuche meist, vorbeugend zu handeln, indem ich …

  • mir genau beschreiben lasse, wo er oder sie sitzen (wenn sie schon drin sind)
  • zu früh komme und vor dem Lokal auf sie warte (meine Standardmethode, weil ich Unpünktlichkeit hasse)
  • ihnen eine SMS zukommen lasse, ob sie schon drin sind, um eine Sucherei zu ersparen.

Wenn es aus irgendeinem Grund schiefläuft, kann es mir passieren, dass ich Schweißausbrüche bekomme, und dann eine schweißnasse Hand zur Begrüßung reichen muss. Im schlimmsten Fall wird die Mischung aus Reizüberflutung und die Leute nicht entdecken zu einem Overload führen, sodass ich die Flucht ergreife und wieder nach Hause fahre.

Berghütten

Ein Sonderfall sind Berghütten. Bei guter Erreichbarkeit mit dem Auto sind sie oft recht voll und es besteht für mich wenig Unterschied zu Lokalen in der Stadt. Sind sie jedoch abgelegener bzw. treffe ich dort zu einer wenig frequentierten Uhrzeit ein, fällt mir die Einkehr wesentlich leichter. Ich bin unter Gleichgesinnten, manche Hüttenwirte sind auch noch daran interessiert, wo man herkommt und wohin man geht, je nach Schwierigkeit des umgebenden alpinen Geländes eine mitunter lebensrettende Information. Ich spreche zwar nie andere Wanderer an, werde aber angesprochen und das gemeinsame Hobby, das Wandern, ermöglicht eine Gesprächsbasis. Ich kann mich über die Auf- und Abstiegswege unterhalten, über Fernsicht und Gipfelbestimmungen, über öffentliche Verbindungen, meine Webseiten, etc. Zudem fällt die siezende Distanz der Niederungen weg, am Berg ist man in der Regel per Du. Manchmal ist eine Hütteneinkehr unabwendbar, wenn mir etwa das Wasser ausgeht oder ich die Einkehr bewusst als Boxenstopp einplane, weil ich sonst zu viel Wasser mitschleppen müsste (gerade im Hochsommer).

Nicht immer ist es günstig

Es hat über zehn Jahre gedauert, bis ich heute meine zwei, drei Stammlokale habe. Was macht ein Nichtraucher alleine am Tisch? Ein Raucher kann sich am Glimmstengel festhalten. Ich hab mir angewöhnt, immer ein Buch mitzunehmen oder vorher eine Zeitung zu kaufen. Lesen und Essen gehört für mich zusammen. Ebenso wie Frühstück und Zeitung. So kann ich durchaus zwei Stunden sitzenbleiben und lesen, vorausgesetzt die Umgebungsfaktoren ändern sich nicht zum Negativen hin. Das Lesen lenkt außerdem meinen Fokus weg von Reizfaktoren in der Umgebung. Heute lese ich leider viel am Smartphone und kaum noch Zeitung oder Bücher, was ich selbst bereue. Jedenfalls wäre ich an Eurer Stelle nicht deprimiert, wenn es mit dem alleine Weggehen noch nicht klappt, vorausgesetzt, ihr würdet es überhaupt gerne können. Es war ein langer Weg für mich dahin, und an eines kann sich meine autistische Wahrnehmung nie gewöhnen: Reizüberflutung. Wenn die Umgebungsfaktoren nicht passen, gehe ich auch am Stammlokal vorbei. Bei schlechter Tagesverfassung sind die Umgebungsreize störender als sonst. Speziell vorbeiströmende Menschen, die den Mindestabstand nicht einhalten, die mich gar anrempeln, die sich laut unterhalten oder telefonieren müssen, dazu der rauschende Verkehr, Motorräder, Baustellenlärm, usw., das alles kann einen starken Fluchtinstinkt bei mir auslösen. Für Außenstehende mag das sonderbar erscheinen, aber mein Innenleben ist für sie nicht sichtbar.

Das traditionelle Punschtrinken am Weihnachtsmarkt

Sie zählt nicht zu meiner Lieblingsdisziplin, was geselliges Zusammensein betrifft. Auf Märkten ist es übervoll, unübersichtlich, Dauerrempler an der Tagesordnung. Ich greife nahezu zwanghaft oft in meine Taschen, weil ich mich fürchte, beklaut zu werden. Die größte Herausforderung ist aber die Bedürfnisbefriedigung. Öffentliche Toiletten sind meistens rar mit wenig Intimsphäre, langen Schlangen davor und dann wie die Hühner auf der Stange nebeneinander stehen. Das blockiert mich meist völlig. Ich muss mir also vorher schon überlegen, wie viel ich trinke. Das gilt auch für manche Lokale mit entsprechend angelegten WCs. Die WC-Frage kann mich schon vor einem Treffen stundenlang beschäftigen und mir den ganzen Abend verderben.

Planbarkeit der Eventualitäten ist wichtig

Das Um und Auf ist also die Planbarkeit, die Berücksichtigung der Umgebungsfaktoren und die eigene Tagesverfassung. Ein Außenstehender, der über intakte Exekutivfunktionen, und einen funktionierenden Reizfilter verfügt, wird all diese Faktoren nicht erkennen, geschweige denn nachvollziehen können. Und sich dann fragen, warum man eine Verabredung kurzfristig absagt oder wortlos gar nicht erst erscheint und sich stundenlang unter wachsenden Schuldgefühlen überlegt, wie man diese Reaktion begründet.

Ich bin vielleicht noch in der priviligierten Situation, lediglich über einen kaputten Geräuschfilter zu verfügen, während viele Autisten auch mit den Lichtverhältnissen Probleme haben, mit flackernden Neonröhren, Discolicht, grellen Deckenlampen, und über eine zu feine Nase verfügen. Je mehr Filterschwächen dazu kommen, desto schwieriger wird der Alltag und so etwas Banales wie ein Lokalbesuch. Nur: Von außen sieht man das nicht, das erfährt man nur vom Betroffenen selbst. Und statt zu kommentieren “Du bist aber empfindlich!” oder “Dein Verhalten ist völlig inakzeptabel!” könnte man auch zuhören und versuchen zu verstehen, dass ich über andere neurologische Voraussetzungen verfüge und daher vieles nicht ausblenden kann bzw. soziale Umgangsformen bei Überreizung regelrecht untergehen. Bitte nicht falsch verstehen: Ich möchte mich nicht darauf ausruhen, dass ich Reize nicht ausblenden kann und das als Freibrief dafür zu betrachten, mich scheiße zu verhalten. Deswegen versuche ich präventativ Informationen zu beschaffen und Vorkehrungen zu treffen, damit ich nicht in die Situation komme, wo ich nur noch gegen die aufwallende Panik kämpfe und soziales Verhalten zweitrangig wird.

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