Internet: Segen oder Fluch?

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Diesen Text kann man im Kontext von Autismus sehen, muss aber nicht so sein. Ich schrieb bereits im Jänner 2010 in einem 11-seitigen Essay über Vorzüge und Gefahren des Internets. Gefahren und Nachteile kann man ebenso im Licht des negativ konnotierten Kulturpessimismus sehen, aber auch als hinzunehmenden Umstand sehen, wie ihn jede technische Neuerung mit sich bringt. Ich halte nichts von Panikmache und Polemik, zu der sich Manfred Spitzer in seinen Bestsellern über den Niedergang der Kultur durch die digitale Revolution versteigt. Ich kenne die Gefahren, aber auch die Vorzüge und trage in nachfolgendem Text meine Gedanken zusammen:

Meine bisherige Lektüre zum Thema Internet:

  • Christoph Koch – Ich bin dann mal offline. ein selbstversuch, leben ohne internet und handy (2010)
  • Kathrin Passig & Sascha Lobo – Internet. Segen oder Fluch (2012)
  • Ingrid Brodnig – Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert (2013)
  • Christian Schertz & Dominik Höch – Privat war gestern. Wie Medien und Internet unsere Werte zerstören (2011)
  • Nicholas Carr – The Shallows. What The Internet Is Doing To Our Brains. (2010)
  • Manfred Spitzer – Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen

Letzteres kaufte ich vor allem, um mir selbst ein Bild davon machen zu können, ob Spitzer wirklich Panik schiebt.

Seit ich meinen Internet-Essay schrieb (2010), habe ich über 13 Blogbeiträge (auf verschiedenen Blogs) nachgelegt und vor allem meine Sorgen und Ängste dargelegt, manchmal auch mit dem erhobenen Zeigefinger, manchmal aus Unwissenheit, manchmal berechtigt. Nun habe ich seit Februar 2015 ein Smartphone, nach 12 Jahren “einfachem” Handy. So sehr ich die Vorteile schätze und immer neue Vorteile erkenne, so sehr kann ich auch ein gewisses Unbehagen damit nicht abstreiten.

Internet ist ein Segen für Randgruppen jeder Art

Ausnahmslos jede Randgruppe, dazu zählen [leider] auch Nazis und Verschwörungsanhänger, profitieren vom Internet. Die (weltweite) Vernetzung sorgt dafür, dass man mit Menschen in Kontakt kommt, zu denen man ohne Internet keinen Zugang hätte. Für uns Autisten (und in der Folge auch für das Umfeld) bedeutet das eine immense Horizonterweiterung, weil erst so deutlich wird, wie schillernd vielfältig das autistische Spektrum ist. Es ist aber auch die Grundlage für den Aufbau von Selbstvertretungen, von selbstbestimmten Leben, von Kommunikation ohne die große Hürde “face to face”. Und es ermöglicht sogar den Kontakt zu jenen Autisten, die abwertend als low-functioning bezeichnet werden, denen Unfähigkeit zur Kommunikation nachgesagt wird, und jetzt im Internet ihre Stimme erheben können. Internet und Smartphones sind eine Alltagserleichterung, verhindern Ängste schürende face-to-face-Situationen und lassen auch Autisten ihre Kontakt- und Kommunikationsfreudigkeit pflegen (kontra Klischee).

Der Gewinn für die Lebensqualität gilt jedoch nicht uneingeschränkt. Zwar mag man Twitter als wunderbares Kommunikationsmittel für Autisten bezeichnen, weil die Notwendigkeit wegfällt, auf nonverbale Signale und Tonfall achten zu müssen. Geschriebene Sprache ist jedoch nicht weniger missverständlich, noch dazu auf 140 Zeichen verkürzt. Menschen, die sich schwer damit tun, sich in die Perspektive des anderen zu versetzen, neigen zu verkürzten Statements, weil sie davon ausgehen, dass der Leser dieses sowieso richtig zu interpretieren weiß. Dem ist aber nicht so! Wenn man eine vorgefertigte Meinung hat, interpretiert man Aussagen im Kontext dieser (eigenen) Meinung. Diese kann dann je nach Meinung gutartig oder bösartig ausgelegt werden, häufig mangelt es für eine objektive Bewertung an Hintergrundwissen. So entstehen Missverständnisse und Verstimmungen, die infolge der Gruppendynamik schnell in Shitstorms ausarten können. Gruppendynamik ist ein Phänomen, das auch vor Autisten kein Halt macht; ich habe das erlebt, als ich ironischerweise zum Thema Onlinesucht einen Kommentar abgab. Ich nutze Twitter jedoch vorwiegend als Informationsmedium, nicht nur für Autismus, sondern vor allem politische, gesellschaftliche und lokale Themen.

Durchhaltevermögen und Gelegenheiten zur Offline-Lektüre schwinden

Wenn ich mir den Verlauf meiner Blogstatistiken anschaue, dann habe ich meinen Literaturblog in den vergangenen Jahren immer seltener bedient, von 34 Beiträgen im Jahr 2011 auf 5 Beiträge im Jahr 2015. Die deutliche Abnahme geht auch mit einem drastischen Schwund an gelesener Literatur einher. Ich brauche erheblich länger als früher, um ein Buch durchzulesen, zudem wächst die Zahl der ungelesenen oder angefangenen Bücher im Regal. Das hat direkt mit Internet und Smartphones zu tun. Seit ich ein Smartphone habe, lese ich nicht mehr oder nur kurz im mitgebrachtenen Buch während der Zugfahrt oder in den Öffis, sondern starre aufs Smartphone, ständig auf der Suche nach dem Kick durch Infos, Videos, Kontroversen und Twitter, das langjähriges Chatten auf einer Forumsplattform inzwischen komplett ersetzt hat. Die “Kick-Suche” schüttet Endorphine aus, vergleichbar mit einer Drogensucht.

Es dürfte unbestritten sein, dass die Fokussierung auf kurze Texte, 140-Zeichen-Wortspenden, etc. in Smartphones und Internet generell etwas mit unserem Gehirn anstellt. Hand aufs Herz! Wer von Euch ist noch in der Lage, einen mehrseitigen Text ohne Unterbrechung zu lesen? Wer hat die Muße sich durch eine ganze Süddeutsche Zeitung zu wühlen, wer kann ohne Unterbrechung ein mehrseitiges PDF am Computer lesen, ohne nicht zwischendurch, wenigstens einmal die E-Mails zu checken oder die Nachrichtenseite? Internet und Smartphones reduzieren die Aufmerksamkeitsspanne drast… oh, Katzen-GIFS!! Früher hat man zumindest den PC ausgeschaltet und ging dann ins Bett, hat dann eventuell noch etwas im Buch geschmökert. Die meisten von Euch kennen den Cartoon, wo danach unter der Bettdecke weiter am Smartphone gesurft wird.

Ich lese also seltener auf Zugfahrten, in den Öffis, im Bett, und das sind schon seit langer Zeit die einzig größeren Gelegenheiten für mich zu lesen. Im selben Raum wie der PC fiel es mir schon immer schwer, zu groß das Verlangen, am PC irgendwas zu machen. Und im Park oder sonstwo sind die Umgebungsgeräusche oder Hektik im visuellen Sichtfeld zu dominant. Vor dem Internetzeitalter schrieb ich auch noch längere Kurzgeschichten, Gedichte und Essays zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Auch damit hat es sich weitgehend aufgehört. Ich vermisse den Zustand des “nicht abgelenkt werden”. Das Zauberwort bei allem lautet Selbstkontrolle. In günstigen Fällen erfolgt die Kontrolle (unbewusst) von außen, etwa durch den Lebenspartner, durch die Arbeit oder andere Umstände, die davor sorgen, dass man maßvoll surft. Wenn diese Kontrollmechanismen fehlen, obliegt es der Selbstkontrolle, dieses Maß zu finden. Manche Menschen schaffen das, indem sie eine Seiten- oder Zeitsperre installieren, und so verhindern, länger als die angedachte Zeit im Netz unterwegs zu sein. Statt einem kalten Entzug also das limitieren, was da ist. Ich tat dies mehrere Jahre dadurch, dass ich bewusst auf das Smartphone verzichtete, weil ich befürchtete, dass meine Gedanken dann ständig um das Smartphone kreisen. Apps für Twitter, Gmail oder WordPress oder diverse Messenger mögen praktisch sein, aber die “Kick-Suche” erhält weiteren Auftrieb mit jedem Mal, wo links oben das Signal für eine eingegangene Nachricht erscheint, oder wenn das Smartphone zu blinken beginnt.

Unmittelbar statt mit Verzögerung

Die wachsende Selbstdarstellung ist ein anderer Faktor. Früher gehörte mir die Wanderung ganz alleine, heute bin ich danach bestrebt, andere daran teilhaben zu lassen. Eigentlich nichts Schlechtes, aber dafür habe ich bereits meine mit hohem Aufwand erstellte Wanderberichte. Wenn ich in der Natur unterwegs bin, dann, weil es mir den Seelenfrieden gibt, den mir die laute Stadt (oder Wohnung) und das gedankenüberschießende Gehirn so oft nehmen.

Denn es ist ein wesentlicher Teil meiner Entspannungsroutine, Bilder erst daheim zu sichten, ausgiebig zu überlegen, welche sich für künstlerische Bearbeitung oder direkten Upload lohnen, und vor allem Bilder auszusortieren – gerade Streetfotos -, die andere Menschen in kompromittierenden Situationen zeigen. Zu schnell wird etwas hochgeladen, das die Privats- oder gar Intimsphäre der anderen verletzt. Deswegen bevorzuge ich hier eine handwerkliche Verzögerung, sozusagen als notwendige emotionale Distanz, um beurteilen zu können, ob und wie etwas veröffentlicht werden soll. Wobei ich zugeben muss, dass mein Smartphone wirklich handwerklich solide Fotos macht, die es gerade bei ungünstigen Lichtverhältnissen durchaus mit meiner G16 aufnehmen können.

Smartphone-Benutzung im Beisein anderer Menschen: Höflich?

Die Twitter-Userin @fluffigerSchuh fasste das treffend in folgenden Dialog:

“Warum antwortest du nicht!”
“Lese nebenbei Twitter. Was machst du so?”
“Bin zu Besuch.”
“Bei wem?”
“BEI DIR!”

Es ist mittlerweile zu einer Unart geworden, den Gesprächspartner zu ignorieren, weil man nur schnell etwas nachschauen möchte. Autisten haben dafür mitunter andere Gründe, weil sich gerade ein Overload anbahnt (im lauten Kaffeehaus oder Lokal) und sie sich auf das Smartphone konzentrieren, um die Umgebungsreize auszublenden. Vielleicht kann man mehr Verständnis erzeugen, wenn man das so sagt. “Mir ist das gerade etwas zu viel hier. Ich muss mich kurz mal ausklinken.” Im schlimmsten Fall hilft ohnehin nur eine Reizentfernung, d.h., das Lokal zu verlassen. Ich denke da auch an meine eigenen Besuche im Stammlokal, wo wir zu viert gegenübersitzen und alle eifrig twittern. Haben wir uns sonst nichts mehr zu sagen? Haben wir bereits alles getwittert? Vielleicht ist das dieser Effekt, wenn man sich sonst schon via Internet alles sagt und dann face-to-face keine Themen mehr übrig bleiben. Umso schöner, wenn ich nach längerer Twitterpause wieder stundenlang mit jemandem quatschen kann und schlicht vergesse, dass das Handy neben mir liegt. Die Kontrolle durch einen Menschen, der Selbstkontrolle besitzt. Moment, Twitterpause? Was soll das denn sein?

Vorzüge sind Zeitersparnis und Navigation

Ohne die GPS-Funktion und die Wanderkarten online könnte ich alleine nicht so kreative, unmarkierte, weglose Routen ausdenken und begehen. Zu groß die Gefahr, sich zu verkoffern, in unwegsames Gelände zu geraten. Ein GPS-Gerät ist mir derzeitig zu teuer und die Angst zu groß, sich damit nicht auszukennen. Selbst am Smartphone beherrsche ich gerade einmal die Grundfunktionen und habe es noch immer nicht geschafft, für Anrufe aufgespielte Musik zu benutzen. Da ich Klingeltöne jedoch grundsätzlich verabscheue, habe ich das auch erst einmal beiseite gelegt. Es ist außerdem sehr praktisch, bereits am Handy die E-Mail lesen zu können, dass ein Paket zur Abholung bei der Buchhandlung bereitliegt, und ich unterwegs spontan entscheiden kann, dieses gleich abzuholen statt erst am nächsten Tag. Für solche Zeitersparnisse gibt es dutzende Beispiele, die Frage ist jedoch, was ich mit der ersparten Zeit anfange? Ich sitze am Computer und schreibe Beiträge wie diesen? Ich twitter stundenlang statt mich dem Regal ungelesener Bücher zu widmen? Ich sitze statt Sport zu treiben?

Smartphones für Kinder?

Ein immer wieder kontroverses Thema ist, wie früh Kindern am technischen Fortschritt teilhaben sollen. Smartphones sind integrativer Bestand des Alltags. Je früher, damit anfangen, desto besser? Solange – wie beim Fernsehen – kontrolliert wird, wie lange und was konsumiert wird, ok. Befürchtungen, dass Smartphones Kurzsichtigkeit fördern, haben sich laut Studien bisher nicht bestätigt. Kurzsichtig macht die exzessive Buchlektüre ebenso, es läge demnach am Bildungsgrad! Mein Glück, dass ich weitsichtig bin 😉

Spitzer behauptet, dass das Kleinkindgehirn noch nicht in der Lage ist, Sehen und Hören miteinander zu verbinden (weshalb eine Geschichte vorlesen einen größeren Lerneffekt habe als eine Kinder-TV-Sendung). Wie unlängst durch Steve Silberman herausgestellt, profitieren gerade junge nichtsprechende Autisten von technologischen Neuerungen wie iPads, weil sie durch Symbolsprache eine Möglichkeit haben, sich auszudrücken.

Soll man diesen Personengruppen ernsthaft raten, digitale Medien zu meiden? Ich denke nein. Eben weil Spitzer in seinem Buch nicht auf Minderheiten eingeht, besteht die Gefahr, dass sich hier Menschen zu Unrecht angesprochen fühlen. Wenn Spitzer über chronisches Schlafdefizit infolge Daueronline sein schreibt, frage ich mich, was er wohl davon gehalten hätte, als ich im Schulalter ständig zu wenig schlief, weil ich bis spät in die Nacht Bücher las?

Er merkt dazu an, dass Kinder noch kein ausgereiftes Frontalhirn haben, weswegen sie keine Selbstkontrolle erlangen können. Kinder überfressen sich mit Süßigkeiten, wenn sie dazu Gelegenheit haben, während Erwachsene den Gedanken an Süßigkeiten leichter durch rationale Überlegungen verdrängen können. Gerade im Erziehungsalter ist also die Kontrolle durch die Eltern oder eine Bezugsperson wichtig. Später ist es wichtig, die Selbstkontrolle zu trainieren. Gemäß Spitzer haben zwei- und mehrsprachig aufwachsende Kinder stärkere Selbstkontrollefähigkeiten als einsprachig aufwachsende, weil beim Sprechen der Erstsprache immer auch die zweite Sprache im Gehirn aktiv ist, und sie diese unterdrücken müssen.

Leidet das Lernen unter digitalen Medien?

“I’m a big believer in boredom. Boredom allows one to indulge in curiosity, out of curiosity comes everything. All the [technology] stuff is wonderful, but having nothing to do can be wonderful, too.”

(Steve Jobs)

Während ich vor dem Handyzeitalter gezwungen war, bei einer längeren Zugfahrt aus dem Fenster zu starren, (und dabei Musik zu hören), kann ich die Langeweile jetzt durch das Smartphone dauerhaft überbrücken. Langweile jedoch ermöglicht Neugier und durch Neugier entsteht Neues. Diese Leerlaufphasen sind seltener geworden, ich erlebe sie hauptsächlich noch beim Wandern, wenn das Handy nicht ständig in Griffweite ist.

Am effektivsten lernte ich im Studium mit handschriftlichen Notizen, vergesslich wurde ich hingegen bei wissenschaftlichen Artikeln am Bildschirm, nicht von mir geschriebene Skripten und Powerpoint-Präsentationen. Das Langzeitgedächtnis merkte sich jene Dinge am besten, die ich offline einatmete. Ebenso konnotierte ich Lerninhalte gelegentlich mit Musik, da ich während dem Lernen exzessiv viel Musik hörte. So subjektiv sich diese Zeilen lesen lassen, gibt es doch fundierte Argumente für diese Lernstrategie:

Mein damaliger Professor betonte immer wieder, wie wichtig ihm die Tafelanschrift sei und er keine Skripten herausgeben werde, da wir am besten lernen, wenn durch die Niederschrift auch der Tastsinn in die Übertragung ins Gehirn mit eingebunden wird. Ein paar Jahre später erfuhr ich, dass beim amerikanischen Wetterdienst noch heute Handanalysen von Wetterkarten gemacht werden, obwohl dieser Prozess bereits weitgehend automatisiert wurde. Auch hier lautete die Argumentation ähnlich: Nur bei der Handanalyse erhält sich der Bezug zu den zugrundeliegenden Messungen und den Prozessen, die das Wettergeschehen hervorrufen.

Menschen lernen unterschiedlich. Manchen reicht es aus, etwas einmal zu lesen, andere brauchen mehrere Durchläufe. Bei manchen macht es keinen Unterschied, ob digital oder offline, für die anderen geht nur offline. Dem einen reicht Lesen, andere schreiben es noch einmal ab.

Was macht die Online-Dauer mit dem Temperament?

Menschen, die mit wenigen Unterbrechungen ständig online sind, neigen dazu, unbeherrschter und provokanter zu schreiben, eine gewisse Sturheit in der Argumentation zu entwickeln und arrogant auftreten.

Es liegt am mangelnden Abstand, sich emotional zu sehr mit einem bestimmten Thema zu verbandeln, die Gedanken kreisen sich nur noch um dieses Thema. “Schlaf mal eine Nacht darüber”, hätte man früher gesagt. Auszeiten sind wichtig, um “am Boden” zu bleiben.

(Selbst-)Kontrolle ist der Schlüssel

Wie sehr wir zum Kontrollverlust neigen, ist durch unsere Gene, die Erziehung und die Lebensumstände bestimmt. Auch als schärfster Kulturpessimist muss man anerkennen: Das Internet ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Nur wenige Menschen oder Berufsgruppen können sich den völligen Verzicht leisten. Das “analoge” Handy dem Smartphone vorzuziehen geht da noch wesentlich leichter, ich habe es 12 Jahre beherrscht. Das Dilemma ist eher, dass ich vor dem Smartphone längere Zeit am Computer saß (zu wenig Bewegung), während ich mit dem Smartphone zwar viel mobiler bin, dafür weniger Langeweile (Leerlaufzeiten) habe, deutlich seltener lese und gelegentlich die Distanz zu Streitthemen verliere.

Dieser Text soll kein abschließendes Urteil fällen, ob Internet nun gut oder böse ist, ebenso wenig, ob Kinder damit frühzeitig aufwachsen sollen oder nicht. Eine technische Neuerung ist nur böse, wenn man die Kontrolle darüber verliert. Twitter und Facebook besitzen kaum Kontrollmechanismen. Strafbare Beiträge kann man zwar melden, gelöscht werden sie deswegen aber noch lange nicht. Ein Shitstorm lässt sich nicht aufhalten, ein Screenshot des fraglichen Inhalts genügt und er beginnt von Neuem. Das Internet vergisst nie.

Eltern, die sich dieser Gefahren bewusst sind, wissen viel eher, was ein Kind sehen darf und was nicht, als solche, die sich damit nie auseinandergesetzt haben. Deswegen stellt sich meiner Ansicht nicht die Frage, ob man Kindern frühzeitig ein Smartphone geben soll oder nicht, sondern, wie man die Smartphone-Nutzung kontrolliert, bis es selbst in der Lage ist, sich zu kontrollieren (oder eben nicht). Kontrolle ist ein ambivalentes Wort, weil es Bevormundung unterstellt, doch ist (Selbst-)kontrolle wichtig für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Gleichwohl Minderheiten mit Defiziten in der Kommunikation vom Internet profitieren, kann ich auch als Autist die Kontrolle verlieren und mir (und anderen) schaden. Barrierefrei ja, aber nicht ohne Fettnäpfchen.

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3 thoughts on “Internet: Segen oder Fluch?

  1. blutigerlaie 18. April 2016 / 14:37

    Selbstkontrolle ist das Stichwort – unsere Kinder nutzen Handys, aber beim Essen zB hat niemand von uns eines in der Hand, beim Filmschauen auch nicht. Man muß wirklich bewußt Frei-Zeiten einbauen, Fastenzeiten, um wieder zu merken, daß die Welt sich weiterdreht auch wenn man nicht permanent hinsieht. Ich freu mich selbst ja auch wenn jemand nach einer Weile auf twitter wieder auftaucht, ohne daß er wegen der Absenz außen vor wäre… Mir fiel neulich auch auf, daß ich wieder bewußter lesen sollte…

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