Wie Angst, Reizüberflutung und Ungewissheit zusammenhängen

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Tiefblick bei Überquerung einer Schotterrinne. (c) by me

Ein spannender Artikel von Ann Grisworld, Spectrum News, beschreibt die Zusammenhänge zwischen Unplanbarkeit, Angsterkrankungen und sensorischer Überlastung bei autistischen Kindern.

Bis zu 84 % der autistischen Kinder leiden unter ausgeprägten Angsterkrankungen und bis zu 70 % zeigen extreme Überempfindlichkeiten auf Licht und Geräusche. Die Überreaktion auf sensorische Reize löst Ängste bei Autisten aus. Eine neue Studie stellt die These auf, dass die Furcht vor dem Unbekannten beide Erscheinungen fördert und dass ein verbesserter Umgang mit der Ungewissheit entsprechende Symptome lindern kann. Die Erkenntnisse stützen außerdem die Theorie, dass autistische Kinder die Welt als überwältigend wahrnehmen, weil sie sich damit schwer tun, Abläufe vorherzusehen. Autistische Kinder wollen ihre Umgebung kontrollieren, sie vorhersehbarer machen. 2014 stellte Pawan Sinha die provokante Theorie auf, dass autistische Kinder wichtige Signale auf ein Ereignis schlicht übersehen, und daher oft vom Verlauf überrascht werden.

Die Verbindung zwischen sensorischen (Über/Unter) Empfindlichkeiten und Schwierigkeiten im Umgang mit Ungewissheit ist auch für potentielles Eingreifen bedeutsam. Statt die sensorischen Reize einfach herabzudämpfen, könnte es effektiver sein, die Vorhersehbarkeit zu erhöhen.

Die Ergebnisse zeigen, dass autistische Kinder eine größere Intoleranz gegenüber Ungewissheit zusammen mit sensorischer Empfindlichkeit und Angst als nichtautistische Kinder aufweisen. Die Intensität von allen drei Faktoren wirkt sich auf den Schweregrad der Autismus-Symptome aus:

Große Intoleranz von Ungewissheit sowie Angsterkrankungen treten bei autistischen Kindern mit massiver sensorischer Überlastung auf. Dieser Zusammenhang findet sich in geringerer Ausprägung auch bei nichtautistischen Kindern.

Unbehagen mit Ungewissheit löst also Ängste aus, die sensorische Erfahrungen noch bedrohlicher erscheinen lassen, eventuell, weil sie dann noch viel stärker auf ihre Umgebung achten. Es könnte aber auch umgekehrt sein, dass eine Überempfindlichkeit auf Geräusche und Gerüche unvorhersehbare Umgebungen noch bedrohlicher machen.

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Soweit die Theorie in der Studie. Ich habe eine ausgeprägte Geräuschempfindlichkeit, habe Ängste und fürchte die Ungewissheit. Wenn ich manchmal vor einem Lokal stehe, weil drinnen Bekannte sitzen, die auf mich warten, aber ich nicht weiß, wo sie sitzen und das von außen auch nicht erkennen kann, werden Umgebungsgeräusche unerträglich laut. Sie hemmen mich regelrecht, hineinzugehen, ich bräuchte in dieser ungewissen Situation nämlich besonders viel Ruhe, damit der Kopf rödeln kann, und ich die innere Blockade behutsam lösen kann, um doch noch hineinzugehen. In einigen Fällen hat mich die Reizüberlastung übermannt, ich bin vor der Situation geflohen. Die Reizüberlastung verstärkt in dieser Situation die innere Blockade und bekräftigt die Angst vor einem unbekannten Ablauf. In vielen Fällen kann ich die Umgebungsreize aber nicht beeinflussen, ich könnte höchstens Kopfhörer tragen und versuchen, sie auszublenden. Effektiver wäre es in der Tat, die möglichen Szenarien durchzuspielen, was passiert, wenn ich hineingehe, wie ich mit den Blicken der anderen Gäste umgehe, ob und wie ich den Kellner anspreche, sodass ich auf alle Situationen vorbereitet bin. Ist die ungewisse Situation erst einmal in verschiedenene, erwartbare Szenarien zerlegt worden, sollte die Reizüberlastung weniger störend sein. Und hier kommt Erfahrung ins Spiel, positive Erfahrung in diesem Fall. Ich bin weiterhin keiner, der sich in ein fremdes Lokal setzt, ich sammle vorher Informationen, wie sieht es innen aus, gibt es Nichtraucherbereiche (ja, Wien …), kann man durch die Scheiben ins Innere sehen, ob Plätze frei sind, etc. Aber bei den wenigen Lokalen, wo ich es nicht sofort sehe, aber schon häufiger zu Gast war, traue ich mich inzwischen auch zunehmend hineinzugehen, wenn ich alleine oder verabredet bin. Weil ich die Kellner kenne, weil die Klientel normal desinteressiert ist, weil ich den Besitzer persönlich kenne. Dadurch sind fast alle unwägbaren Faktoren (bis auf einen freien Platz) geklärt. Bis dahin hat es jedoch Jahre gedauert.

Das ist auch eine der wesentlichen Elemente einer Intervention für Autisten: Vorhersehbarkeit herbeiführen und Struktur schaffen. Darum haben Autisten ihre Rituale und Routinen, um den Zeitraum der Unplanbarkeit möglichst geringzuhalten. Darum tun sich erwachsene Autisten schwer, wenn sie neben dem Beruf ungeplante Freizeit oder Urlaub haben, oder arbeitslos sind. Das, was für neurotypische Menschen eine Erleichterung ist, kann für Autisten zum Ballast werden, wenn keine Pläne gemacht wurden, keine Struktur vorhanden ist. Das sorgt dann oft für Unverständnis im Umfeld „wie kann man sich darüber ärgern, spontan freizubekommen?“ Unplanbarkeit geht nämlich auch mit mangelnder Flexibilität im Denken einher. Ein Plan ist zurecht gelegt für den nächsten strukturierten Tag. Etwas ändert sich, der Tag ist plötzlich unstrukturierte Freizeit, aber der Kopf kann nicht mit, er ist noch im alten Plan gefangen. Bis ich auf Plan B umgestellt habe, können mitunter Stunden vergehen, jedenfalls fällt die unmittelbare Reaktion auf die Planänderung meist nicht sehr freundlich aus. Wird die Planänderung dann auch noch in einer geräuschüberfluteten Umgebung mit vielen Menschen mitgeteilt, fällt meine Reaktion noch harscher aus, der Kopf ist blockiert, er ist so damit beschäftigt, die Geräusche und Hektik (vergeblich) wegzufiltern, dass für soziale Gepflogenheiten oder Zurückhaltung kein Platz mehr ist.

Was auf mich als Asperger-Autist, gemeinhin als hochfunktionale Autisten verschrieen, zutrifft, wird wahrscheinlich auch auf viele Autisten zutreffen, die ihre Autismus-Symptome stärker nach außen zeigen, die unter massiver Reizüberlastung leiden, mitunter kombiniert mit einer Synästhesie, und sich noch schwerer mit Veränderungen und ungewissen Situationen tun. Darum ist Struktur in einer Therapie so wichtig. Mein erster Therapeut hatte keine Struktur, wir haben oft die Stunde überzogen, wir kamen vom hundersten ins tausendste, ich kann mich kaum noch erinnern, was wir damals besprochen haben, viel weitergegangen ist leider nicht (das war lange vor der Diagnose).

Inzwischen versuche ich mir selbst Struktur zu geben, etwa …

  • Kalender konsequenter benutzen
  • ein Haushaltsbuch führen
  • eine Einkaufsliste führen
  • einen Plan mit möglichen Freizeitaktivitäten (vor allem Wandertouren) laufend zu erstellen
  • eine To-Do-Liste, die sich auf eine Woche beschränkt, benutzen

Mein Faible sind Listen und Tabellen, andere kommen besser mit Bildern, Karten oder Post-Its klar, hauptsache strukturiert, übersichtlich und nicht überfrachtet mit zu viel Information bzw. zu vielen Anforderungen.

Abschließend ein weiteres Beispiel für Angst, Ungewissheit und Reizüberlastung, das auch für Nichtautisten gültig ist. Eine Bergtour, eine kurze, ausgesetzte (exponierte) Passage und eine Gruppe von Mitwanderern. Wer nicht schwindelfrei ist, wird sich naturgemäß vor dieser Passage fürchten, wer nicht weiß, wie sie aussieht und wie lange sie dauert, hat Ungewissheit und Angst im Doppelpack dabei. Und die Mitwanderer drängen, schauen auf die Uhr, oder sind schon weit voraus und vergrößern den Abstand zusehends, wenn man nicht bald aufschließt. Die einen überwinden sich unter Druck, die anderen werden noch ängstlicher, im schlimmsten Fall passieren aus Unkonzentriertheit fatale Fehler. Es muss aber nicht einmal die Gruppe sein, die unter Druck setzt, auch die Wetterbedingungen können dies erzeugen, etwa ein herannahendes Gewitter. Für mich gilt daher: Ich informiere mich so gut wie möglich über etwaige brenzlige Passagen, selbst wenn sie für Mitwanderer harmlos sind. Ich berücksichtige das Wetter, bei Gewittergefahre gehe ich nicht, und ich sorge dafür, dass ich mir die Zeit nehmen kann, die ich brauche, um das Adrenalin auszuschütten, mich anzupassen, mich auf die Situation einzulassen.

  • ich lasse mich nicht durch Mitwanderer (bzw. suche diese sorgfältig aus) oder Wetter stressen (-> äußere Reize, Druck verringern)
  • ich informiere mich ausreichend (-> Ungewissheit reduzieren)
  • ich lasse mir Zeit und mich auf die Situation ein (-> Ängste verringern)

Das A und O ist aber, ausreichend Informationen einzuholen, einen Plan B zu haben.

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