„Der ist halt ein bisserl komisch.“ Presse, 27.3.16

Im Karriere-Teil der Presse-Zeitung ist am 27. März 2016 ein ausführlicher Artikel zu Asperger im Beruf erschienen, auch Specialisterne Austria wird erfreulicherweise erwähnt.

Es war wieder einmal höchste Zeit, dem Thema Autismus eine ganze Seite zu widmen, im wesentlichen ist dies in diesem Artikel auch gut umgesetzt worden. Ein paar Anmerkungen dennoch, in der Hoffnung, sie mögen eines Tages auf fruchtbaren Boden fallen …

Die inhaltliche Aussage ist klar: Autisten können mehr als man ihnen zutraut, zu viele sind arbeitslos.

Zur inhaltlichen Ebene kommt jedoch noch eine persönliche Ebene:

  1. Autismus-Spektrum-Störung verleitet zu antworten „Mein Autismus-Spektrum ist nicht gestört!“, und wenn man sich die beiden Autisten anschaut, steht das Können, nicht die Störung im Vordergrund.
  2. Menschen leiden nicht zwingend am Asperger-Syndrom, sie leben mit den Höhen und Tiefen. Leiden entsteht häufig durch das Unverständnis des Gegenübers, sich auf das Anderssein des Autisten einzulassen. Zudem entsteht das Leiden meist durch die Begleitsymptome wie Ängste, Depressionen oder kaputte Reizfilter. Autismus ist angeboren. Es ist für einen selbst normal so zu sein, der Schock kommt eigentlich erst dann, wenn man begreift, dass die anderen das nicht so sehen.
  3. Asperger ist keine milde Form von Autismus. Stress, Erwartungsdruck und Ängste werden von den Asperger-Autisten meist nicht als mild empfunden. Aussagen wie „Du bist doch höchstens ganz leicht betroffen“ verharmlosen die Begleitsymptome von Autismus.
  4. herausragende Talente für gleichbleibende logisch-analytische Aufgaben mit hoher Detailanforderung.“ – Das soll wohl eine Vorliebe für monotone Aufgaben suggerieren, doch Autisten sind individuell verschieden – die einen mögen es monoton, die andern brauchen (geplante) Abwechslung. Vorsicht: Talent/Begabung bitte nicht Spezialinteressen verwechseln! Die meisten Autisten haben Spezialinteressen und sind autodidaktische Experten auf ihrem Gebiet.
  5. „Normale“ Menschen hingegen können sich nicht so lang konzentrieren. Anhaltende Konzentration setzt jedoch eine entsprechende reizarme Arbeitsumgebung voraus. Ein Autist, der sich mit monotoner Arbeit schwer tut, wird sich ebenfalls nicht so lange konzentrieren können. Interesse für die Arbeit ist unabdingbare Voraussetzung.

Zu den Schwächen:

Tätigkeiten, die Planung und Flexibilität verlangen, liegen ihnen gar nicht. Deshalb schaffen auch bei hoher Intelligenz nur wenige einen Universitätsabschluss.

Ich möchte das ein wenig anzweifeln.

Erstens arbeiten Autist_innen bereits in Berufen, wo Flexibilität wichtig ist, z.B. als Lehrer, Therapeut oder Meteorologe, und sich auf unbekannte Situationen immer wieder einstellen müssen, wo Planung ebenso wichtig ist. Schwierig sind plötzliche Änderungen und die Zeit, bis diese im Kopf realisiert worden sind, sodass gedanklich ein Plan B möglich ist. So kann die erste Reaktion auf eine Veränderung ungehalten ausfallen, einen Tag später schon deutlich durchdachter. Wichtig ist eine ausreichende Vorlaufzeit, um sich auf eine neue Situation einstellen zu können. Ein strukturierter Zeitplan oder To-Do-Listen können hilfreich sein.

Zweitens ist in der Uni vieles strukturiert, durchgeplant und leider recht inflexibel, speziell, wenn das Studium ohne Nebenjob nicht schaffbar ist. Ich denke, in der Uni ist die Interaktion mit den Kommilitonen ein größeres Problem. Die wenigsten Studien sind so konzipiert, dass man als Einzelkämpfer durchkommt. Häufig ist Gruppenarbeit verlangt, und damit tun sich Autist_Innen eher schwer. Hinzu kommt die immanente Reizüberflutung in den Hörsälen, bei Prüfungen oder der bereits energieraubende Alltag.

Doch vor Prüfungen quälten ihn Panikattacken. Vor lauter Angst zu scheitern (ein Grundmuster) gelang es ihm nicht, die Unterlagen zu öffnen.

Diese Versagensangst hatte ich auch, sie kann einen regelrecht dabei lähmen zu lernen. Angsterkrankungen sind recht häufig bei Autist_Innen, und leider haben die meisten eine Mobbing-Vergangenheit. Das schlägt natürlich auf das Selbstwertgefühl und fördert Angst und depressive Stimmungen.

 und bitte keine Ironie. Diese kann nämlich nicht gedeutet werden.

Das kommt auf den Kontext an. Ich kenne viele Autist_innen, die Ironie verstehen und anwenden. Gerade bei Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Arbeitsleistung kann aber ein „Na, was hast Du heute wieder für einen Scheiß gemacht?“ durchaus in den falschen Hals geraten.

Ein Klischee ist auch, das Talent nur auf den IT-Bereich zu reduzieren. Sie passen gut in Abteilungen der Qualitätssicherung, -kontrolle, Datenpflege, Buchhaltung, Logistik, des Lektorats und Archivwesens.

Das sind die Bereiche, in denen Specialisterne derzeit für Asperger-Autisten Jobs hat! Die Spezialinteressen von Autisten umfassen jedoch noch weitaus mehr Bereiche, wie diese Studie (Juni 2014) über berufsbezogene Stärken und Jobinteressen von Asperger-Autisten an der Uni Berlin zeigt:

Spitzenreiter unter den Studienrichtungen der befragten Autisten waren die Sozialwissenschaften (40 %), gefolgt von Naturwissenschaften (29 %) und Geisteswissenschaften (19 %), mit Abstand folgen Medizin (6%), Agrarwissenschaften (4%), Ingenieurswesen/Technik (2%).

Auch bei den Berufen zeigt sich ein interessantes Bild unter den Befragten (n = 52)

40 % sind im Gesundheits- und Sozialwesen sowie im Bildungssektor tätig, gefolgt von 23 % in der Firmenorganisation, Buchhaltung, Rechtsabteilung, die so oft zitierten Naturwissenschaften, Geografie und Computerwissenschaften teilen sich Platz 3 mit der Rohstoffproduktion (je 11,5 %), gefolgt von Geistes-, Sozial-, Wirtschaftswissenschaften, Medien, Kunst, Kultur und Design mit 7,7 %.

Es kann also durchaus sein, lieber nichtautistischer Leser, dass Du einen autistischen Kollegen hast, ohne es zu wissen – selbst wenn Du in einem Sozialberuf tätig bist. Oder eine autistische Kollegin, denn Frauen kommen wieder einmal zu kurz, da Autismus bei Frauen viel häufiger ist als vor einigen Jahren noch gedacht. Ich persönlich kenne auch mehr Autistinnen als Autisten.

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5 Gedanken zu “„Der ist halt ein bisserl komisch.“ Presse, 27.3.16

  1. atarifrosch 29. März 2016 / 14:49

    Gut zerlegt. Der Hinweis im Ursprungsartikel auf die hohe Arbeitslosigkeit ist dabei durchaus noch erwähnenswert – negativ, daß es so ist, aber positiv, daß es zur Kenntnis genommen wird.

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  2. cloudcuckookiss 29. März 2016 / 21:01

    Ein 45jähriger Kumpel von mir, seines Zeichens Diplom-Ingenieur FH, lebt seit bald einer Dekade von Erwerbsunfähigkeitsrente, seine einzige Diagnose: Asperger …

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  3. sinnesstille 29. März 2016 / 21:09

    Wir hatten in einer Zeitung unseres Raumes Ende Februar auch einen solchen Artikel, wobei ich schon immer wieder, nach wie vor, an Klischees hängen bleibe, bei denen ich die Stirn runzeln muss. Beispiel: „Autisten sagen immer die Wahrheit, sie geben direktes Feedback auch über das, was nicht so gut gelaufen ist. Sarkasmus verstehen sie nicht…“ Hm.
    Stellt sich die Frage, ob Anmerkungen, die unsererseits wichtig erscheinen, wirklich auf fruchtbaren Boden fallen werden. Von Journalisten eine solch genaue Recherche über vermeintliche „Kleinigkeiten“ erwarten – darf man das? Muss man das?

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    • Forscher 29. März 2016 / 21:25

      Nein, das kann man vermutlich nicht erwarten. Es ist auch journalistische Zuspitzung, absolute Aussagen zu machen, wo relative Aussagen angebracht wären. Statt „Autisten verstehen keine Ironie“ sollte es eigentlich heißen „Autisten tun sich schwer mit Ironie“. Es ist einfach wichtig, Journalisten immer wieder darauf hinzuweisen, nicht zu verallgemeinern. Es ist ein Spektrum, es sind nicht alle so.

      Weil sonst wird man sich immer rechtfertigen müssen. „Du verstehst ja Ironie! Ich dachte, Autisten verstehen keine Ironie!“ – „Ja, weil nicht alle Autisten so sind …“

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      • sinnesstille 29. März 2016 / 21:43

        „Es ist einfach wichtig, Journalisten immer wieder darauf hinzuweisen, nicht zu verallgemeinern.“
        Ja, das denke ich auch. Und ich finde es nicht schwer, Formulierungen wie „manche / einige“, „möglicherweise“ oder „könnte / kann“ zu verwenden.

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