Je mehr Autisten aufklären, desto besser.

Kein Kampf, sondern Menschen begegnen, über Gespräch Sichtweise ändern, Brücken über nicht vorhandene Gräben bauen. Die gibt es nur in den Köpfen. Mehr Gemeinsamkeit als Trennendes.

Und weil Autisten verschieden sind, gibt es auch verschiedene Möglichkeiten der Aufklärung. Autisten sind genauso Individuen wie Nichtautisten auch. Autisten, die zugleich Eltern sind, sehen ihren Autismus oder ihre autistischen Sprösslinge mitunter anders als Nichteltern. Autisten, die traumatische Erfahrungen gemacht haben (ja, das sind sehr viele, mit unterschiedlichen Traumata), denken anders darüber als jene, die mit einem wohlwollenden Umfeld aufgewachsen sind. Autisten, die Psychologie oder Medizin studiert haben und diese praktizieren oder darin forschen, haben wieder einen ganz anderen Blickwinkel, als wenn man die Diagnose bekommen hat, sich aber nicht weiter mit den Ursachen und der Vielfalt an Symptomen auseinandersetzt.

Ebenso unterschiedlich wie die Autisten sind, ist auch das Interesse am Autismus selbst. Ein gewisser Prozentsatz wird nach der Diagnose nicht weiter nachforschen, sie leben ihr Leben, das reicht für sie. Andere, und das insbesondere seit der Erfindung und Verbreitung des Internets, emanzipieren sich von den bisherigen Behindertenvertretern und gründen eigene Gruppen oder Bewegungen, wieder andere sprechen nur für sich selbst. Das, was andere Autisten als brennende Themen bezeichnen, mag für die einen nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil es sie nicht selbst betrifft oder sie bereits mit dem eigenen Leben genügend Kraft verbrauchen.

Und nicht zuletzt gibt es verschiedene Wege, an Nichtautisten heranzutreten. Es gibt es Bewegungen, die sich sehr intensiv mit ABA auseinandersetzen und diese Therapiemethode als Folter anprangern, insbesondere im Hinblick auf aktuelle, kontroverse Förderungen von Aktion Mensch (siehe Artikel ein paar Wochen vorher), dann gibt es auch einzelne Aufklärende, die weniger gegen etwas kämpfen wollen als den Dialog zu suchen, auch mit denen, die diese Therapiemethode befürworten. Manche schreiben Bücher und lassen uns an ihrem Autismus teilhaben, der von einem Savant-Autismus wie bei Temple Grandin bis zum frühkindlichen Autismus einer Carly Fleischmann reicht. Diese und zahlreiche weitere Veröffentlichungen zeigen die Sicht von Innen und widerlegen viele Vorurteile von außen. Forscherinnen wie Michelle Dawson klären auf, indem sie sehr kritisch wissenschaftliche „Durchbrüche“ kommentieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu beteiligen, z.B. Gesprächsrunden oder Vorträge, Comicbücher oder Magazine, naturgemäß ziehen viele kommunikativ eingeschränkte Autisten die schriftliche Form vor, aber es gibt auch jene, die reden können und wollen.

Mir ist nur langsam, aber in letzter Zeit immer deutlicher klargeworden, dass ich ein Dialogmensch bin. Auch wenn mir das Reden schwerfällt, aber ich bin derjenige, der gerne auch mal an jemand Unbekanntes ein E-Mail schickt, denn eine E-Mail kann man in Ruhe schreiben und muss nicht gleich darf antworten. Wenn mir etwas am Herzen liegt, suche ich den Dialog, selbst, wenn ich die Meinung des anderen überhaupt nicht teile, und von vorneherein skeptisch dem gegenüber bin, was er als Verteidigung seiner Argumente anbringt.

Anlassfall für diesen Blogeintrag ist jedenfalls die Ankündigung eines Vortrags von Gee Vero bei Autismus Hamburg, Samstag, 2. April 2016, 15:00 Uhr (Einlass ab 14:30 Uhr, freier Eintritt). Universität Hamburg, Hauptgebäude, Hörsaal C, Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg (ÖPNV: S-Bahn Dammtor/ U-Bahn Stephansplatz). Autismus Hamburg ist deswegen in der Kritik, weil sie auf ihrer Website ABA als wirksame und empfohlene Therapiemethode anbieten.

Ich seh das Ganze so: Gee Vero hat ihren eigenen Weg, über Autismus aufzuklären. Sie fordert mehr Verständnis, Toleranz und Akzeptanz für Autisten und führt die andere autistische Wahrnehmung als Grundlage für das autistische Verhalten an.

Liebend gerne würde ich einen Vortrag von ihr hören, aber bereits ihr Buch und das Interview im MDR zeigten, dass ihre Sicht auf Autismus niemals mit ABA und ähnlichen Verhaltenstherapien vereinbar ist. Im besten Fall wird sie also die Veranstalter und Eltern davon überzeugen können, oder zumindest einen Denkanstoß liefern, zu überdenken, was sie eigentlich zu therapieren beabsichtigen. Keinesfalls wird man die Haltung der Künstlerin als Werbung für ABA instrumentalisieren können.

Ich denke, unterbewusst wissen die Leute ganz viel darüber. ‘Auto’ bedeutet ‘Selbst’, jeder hat ein Selbst. Inwieweit die Menschen sich ihres Wissens bewusst sind, kann ich nicht einschätzen. Ich tue aber alles dafür, dass das Wissen um Autismus zu den Menschen getragen wird. Aber wir können das nur machen, indem wir uns begegnen und ins Gespräch kommen und das ist manchmal etwas schwierig, weil man Autismus dem Menschen nicht ansieht und viele autistische Menschen auch versuchen, so gut im Leben klar zu kommen, dass der Autismus nicht zum Gespräch wird.

Ich bin jedenfalls über jede_n froh, der/die den Mumm hat, vor Publikum zu reden, noch dazu über ein Thema, wo die Emotionen manchmal übergehen, und wo viele Einwände und Skepsis kommen können (Eltern wie Therapeuten). Wer gelegentlich in Elternforen mitliest oder schreibt, weiß, wovon ich rede.

PS: Ich werde nur noch Kommentare freischalten, die ein Mindestmaß an Respekt und Fairness gegenüber dem Verfasser erkennen lassen. Gruppendynamik im negativen Sinne (Verleumdung, Mobbing) hat auf meinem Blog keinen Platz. Überhaupt sollten Autisten als diskriminierte Minderheit mehr zusammenstehen, statt jene zu verurteilen, die eine andere Herangehensweise haben, und die häufig ebenso unter Depressionen, Ängsten oder Traumata leiden oder litten, wie andere Aktivisten auch. Da ist auch ein wenig Fingerspitzengefühl gefragt, nämlich das, was von Nichtautisten ebenso verlangt wird.

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Ein Gedanke zu “Je mehr Autisten aufklären, desto besser.

  1. lizzzy07 25. März 2016 / 15:08

    Ich gehöre zu denen, die sich mit Autismus und allem drum herum auseinandersetzen, aber sich schwer aufraffen können, sich zu engagieren im Sinne aller Autisten. Auch wenn sie nicht alles, was geschieht, gut finden. Es hat schließlich gedauert, bis in meinem Kopf der Entschluss gereift war, zumindest die Leute um mich herum aufzuklären. Das mag daran liegen, dass es für mich ein sehr persönliches Thema ist. Und Persönliches spreche ich in der Regel erst an, wenn es ein akutes Problem gibt.

    Begebenheit heute: Jemand sagt: „Wenn ich richtig ausflippe, wolllt ihr nicht erleben!“ Ich: „Bei mir wollt ihr das auch am liebsten wissen!“ Eine Dabeistehende: „Das haben wir schon erlebt.“ Ich: „Nein, das war noch harmlos!“

    Es ahnt keiner, schlimm ein ausgewachsner Meltdown ist. Bei den Begebenheiten bisher (gegenüber den beiden) hatte ich mich noch einigermaßen unter Kontrolle.

    Andrerseits sind Fachvorträge oder Aktionen vor Publikum, verbindlich vereinbart, kein größeres Problem. Nur alles irgendwie im kirchlichen Rahmen. Generell fällt mir vieles in eben diesem kirchlichen Kontext leichter. Ich könnte mir vorstellen, an einem Stand auf einem Kirchentag über Autismus zu informieren. Das gleiche in andren Kontexten ist eine ungleich größere Herausforderung.

    Ob es hier jemandem ähnlich geht (dass gewisse Dinge in einem bestimmten thematischen Setting leichter fallen bei gleich intensiver Reizbelastung und gleichen sozialen Anforderungen)?

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