Zusammenhang Savants und Autismus? – Teil 1

Seit ich vor wenigen Jahren gelesen habe, dass die für den Film „Rain Man“ zugrundeliegende Figur  Raymond Babbit an den Savant Kim Peek angelehnt ist, widersprach ich ebenfalls der Ansicht, dass hier ein Autist dargestellt sein sollte. Laut der damaligen Aussage sei nur die Hälfte der Savants autistisch, und nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Autisten haben außerdem das Savant-Syndrom.

Die Filmfigur in „Rain Man“ enthält unzweifelhaft autistische Anteile: So vermeidet Babbit Blickkontakt, wenn sein Bruder mit ihm spricht, er zeigt Echolalie (Wiederholung von Worten oder Sätzen, „ich zähle Karten“), er schreit, wenn man ihn anfasst. Die Inselbegabung bzw. der Savant-Anteil zeigt sich, indem er Zahnstocher und Spielkarten durch einmaliges Hinschauen zäht.

Kim Peek hatte ebenfalls autistische Züge, wie hysterische Reaktionen auf Störungen bei seiner Tätigkeit, verzögerte Sprachentwicklung und Motorik. Dafür entwickelte sich bei ihm Hyperlexie mit seinem enormen Erinnerungsvermögen, er beherrschte zudem das Kalenderrechnen.

Vor kurzem erschien eine tiefgehende Analyse über die Verbindung zwischen Savant-Syndrom und Autismus. Der Text beginnt mit der Geschichte des jungen, blinden, talentierten Pianisten Lewis-Clack, der Klavierwerke bereits nach einmaligem Hören fehlerfrei wiedergeben kann. Er gilt wegen geistiger Behinderung und Inselbegabung als Savant, der vorwiegend durch seine Musik kommuniziert und sonst eher einsilbig ist.

Das Savantsyndrom bezeichnet das Zusammentreffen kognitiver Beeinträchtigungen, meist Autismus, und herausragender Fähigkeiten. Früher dachte man, das Savantsyndrom sei sehr selten, beträfe höchstens 1 von 10 Autisten, nun beziffert man die Häufigkeit mit 1 von 3. Was das Savantsyndrom verursacht, ist weiterhin ungeklärt, jedoch vermutet man eine unerkannte Verletzung der linken Gehirnhälfte im Mutterleib oder als Kleinkind, was zu kompensierender Verstärkung der rechten Gehirnhälfte führt.

Viele Savants haben besondere Fähigkeiten auf dem Gebiet der Musik, Kunst, Mathematik oder Mechanik und zudem außergewöhnliche Gedächtnisse, wie etwa Stephen Wiltscare, der ganze Landschaften nach dem Überflug mit dem Hubschrauber aus dem Gedächtnis detailgetreu nachzeichnen kann. Andere können „Kalenderrechnen“, also rasch einen Wochentag berechnen, wenn man ein zufälliges Datum aus der Vergangenheit oder Zukunft nennt [Ich kenne so jemand]. Wieder andere können mehrere Fremdsprachen, können Distanzen oder Höhen präzise ohne Instrumente messen oder verfügen über herausragende Kartenlesefähigkeiten.

Savants werden in der medizinischen Literatur seit dem späten 18. Jahrhundert beschrieben. Von 1978 stammt eine ausgiebige Studie, die die Häufigkeit 1:10 hervorbrachte. Doch die Forschung der letzten 10 Jahre hat einige Widersprüche zu dieser Häufigkeit erzeugt. Manche Forscher sagen, dass diese scheinbar außergewöhnlichen Fähigkeiten lediglich den Fakt widerspiegeln, dass viele Autisten unterschiedliche Fähigkeiten gegenüber ihren typischen Mitmenschen haben. Laurent Mottron, Psychiater an der Universität Montreal, sagt:

„Autisten sind natürliche Spezialisten – wenn sie sich für etwas intensiv interessieren, werden sie rasch zu Experten.“

Gerade die Standard-Intelligenztests führen bei Autisten häufiger zu schlechtem Abschneiden, weil sie Zeitbegrenzungen und verbale Anweisungen unter Druck setzen, ebenso soziale Interaktionen und Affinität zu kulturellen Regeln. Erhebungen wie der Raven’s Standard Progressive Matrices, der logisches Denken und kreative Problemlösung misst, zeigen bessere Intelligenzmessungen.

Wenn die Forscher diese besser geeigneten Methoden der Intelligenzmessung verwenden, verschwindet die Spitze der Fähigkeiten, die man als Zeichen des Savant-Syndroms betrachtete. Es gibt bei Savants ähnlich zur Intelligenz eine Glockenkurve. Das obere Ende der Glockenkurve bei Autismus umfasst ein paar Leute, deren herausragenden Fähigkeiten auf bestimmten Gebieten jene von den meisten Leuten ohne Autismus übertreffen.

Diese Interpretation wird durch eine 2009 von Howlin ausgeführten Studie bekräftigt, bei der von 93 Autisten rund 40 % herausragende Fähigkeiten besaßen, verglichen mit ihren anderen Fähigkeiten und jenen der Allgemeinbevölkerung. Darunter sind auch sogenannte „Splinter skills“, etwa komplexe mathematische Berechnungen aus dem Kopf heraus, ohne Papier und Stift zu benutzen.

Howlin’s Studie beinhaltet zwei verschiedene Messungen: Die Teilnehmer hatten entweder

  • eine Savant-Fähigkeit, wie überragende mathematische, musische oder künstlerische Fähigkeiten, oder ein Gedächtnis für Datum, Orte, Routen oder Fakten

oder

  • eine herausragende kognitive Fähigkeit, definiert als Intelligenzquotient von zwei Standardabweichungen über dem Durchschnittswert von 130.

Ein paar Testpersonen erfüllten beide Vorgaben.

Traditionelle Studien von Autisten sind mitunter verzerrt, stellt Howlin klar, weil viele Teilnehmer aus einer selbst ausgewählten Gruppe stammen: Die Leute werden aufgrund ihrer schweren Beeinträchtigungen zu Psychologen überwiesen. Währenddessen sind hochfunktionale* Autisten „unter-erforscht“, weil sie sich gut in die Gesellschaft eingefügt  und die Aufmerksamkeit der Forscher nicht erregt haben.

Howlin:

„Das Problem ist, dass wir über Autisten, die gut klarkommen, erschreckend wenig wissen, weil wir jene studieren, die nicht gut klarkommen.“

* Ich bin kein Fan von Kategorien wie hoch- oder niedrigfunktional. Hochfunktional bedeutet oft hohe Erwartungen und Mangel an Unterstützung, während niedrigfunktional mit Unterschätzung der Intelligenz und geringen Erwartungen gleichgesetzt wird. Ebenso fällt hier natürlich weg, dass hochfunktionale Autisten ebenso einem gewissen Leidensdruck ausgesetzt sind. Darauf zielte dieser Artikel jedoch nicht ab, sondern darauf, wie Testpersonen für Studien zu Autismus rekrutiert werden, und da sind es zuerst die auffälligeren Autisten, nicht jene, die unerkannt oder ohne großen Wirbel zu machen durchs Leben gehen.

PS: Mir ist bei der Übersetzung des Artikels ein Fehler unterlaufen, und zwar hab ich nicht gesehen, dass er noch weitergeht (kam mir auch schon so kurz vor, hatte das Original bereits gelesen), die weiteren Teile folgen dann kommende Woche nach.

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5 Gedanken zu “Zusammenhang Savants und Autismus? – Teil 1

  1. lizzzy07 13. März 2016 / 17:02

    Ich würde mich jetzt nicht gerade als hochbegabt bezeichnen, aber merklich intelligenter als die meisten anderen um mich herum schon. Ein Savant bin ich bestimmt nicht, wenngleich mir Sprachen und Geisteswissenschaften generell leichter fallen als anderes. Sicher, wenn ich wollte und entsprechend einen großen Teil meiner Zeit da reinstecken würde, könnte ich auch eine Sprache (auch eine schwere wie Chinesisch) binnen Wochen oder einigen Monaten auf einem passablen Niveau aneignen. Nur Lust dazu habe ich keine, weil ich eben meist keine Verwendung für die Sprachkenntnisse habe. Na gut, Französisch würde sich lohnen zu lernen, weil wir eine französische Partnerstadt haben. Sicher, in der Ausbildung hatte ich den Spitznamen „wandelnde Festplatte“, weil ich mir sehr viele Fakten und Formeln sehr schnell merken kann und oft noch relativ lange im Gedächtnis verfügbar habe (aber trotzdem nicht ewig, und Geburtstage gehören nicht dazu). In der Kirchgemeinde fällt das auch auf, was ich so an Bibelstellen parat habe (manche davon vor Jahren das letzte mal gelesen). Zuletzt konnte ich mich erinnern, dass ein bestimmter Vers beim Propheten Jeremia stand, weil ich das mal in einem (mittlerweile entsorgten) Bibelwochenheft, wo der Prophet Jeremia dran war, im letzten Text gelesen hatte. Geglaubt hat mir das unsre Pastorin nicht gleich. Aber es stimmte. Regelrecht scannen und nach einmal lesen alles wörtlich wiedergeben kann ich nicht. Aber nur nicht wörtlich, den Sachinhalt kann ich schon gut wiedergeben. Deswegen würde ich mich jetzt nicht als Savant betrachten, nur weil ich einzelne überdurchschnittliche Fähigkeiten habe. Ein Savant ist für meine Begriffe jemand, der eine Fähigkeit, besitzt, die wirklich außergewöhnlich ist. Savants sind meiner Meinung nach selten, was nicht ausschließt, dass es relativ Leute gibt, denen gewisse Dinge bedeutend leichter fallen als andere, auch bekannt als besondere Talente. Und das finde ich, ist nicht an Autismus gebunden. Unser Kantor ist definitiv kein Autist, aber ein wirklich exzellenter Musiker, nur als Beispiel. Und exzellente Musiker, Handwerker, Seelsorger usw. gibt es sicher öfter als Autisten.

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    • Forscher 13. März 2016 / 20:56

      Ich glaube, das ist mit der Glockenkurve bei Savantismus gemeint. Und natürlich ist eine besondere Begabung nicht an Autismus gebunden. Das wäre auch ziemlich abwertend gegenüber Nichtautisten 😉

      Temple Grandin argumentiert die Kreativität bei Autisten damit, dass die gute Detailwahrnehmung auch eines großen Informationsspeichers bedarf (d.h. ein gutes Langzeitgedächtnis), weil das sonst auf Dauer überlasten würde (und viele überlastet es auch).

      Der Artikel lässt übrigens zwei Möglichkeiten zu: Entweder wird der Begriff Savant-Syndrom hier in einem völlig neuen Licht gesehen bzw. erweitert (so wie man Autismus um Asperger erweitert hat), oder für die Studie von 2009 hat man spezielle Vorgaben, die sich von denen von 1978 unterscheiden. Vielleicht gelange ich noch an die Originalstudie.

      Kalenderrechnen oder Inhalte scannen würde ich übrigens nicht unter Spezialinteressen einordnen, Fakten auswendig auslernen dagegen schon.

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