„Aktion Mensch“ -leider sehr unkritisch!

Nach der Podiumsdiskussion mit dem Querdenkenden und ABA-Vertretern fördert Aktion Mensch weiterhin trotz heftigem Gegenwind durch Autisten ein umstrittenes Projekt, das Bremer Elterntraining (BET), mit einer Viertelmillion Euro.

Die Aktivisten gehen jetzt zur nächsthöheren Ebene, dieser Offene Brief an das Magazin Monitor soll die Medien dazu anregen, über ABA zu recherchieren, nachdem seitens “Aktion Mensch“ kein Diskussionsbedarf mehr signalisiert wird. Unterschrieben werden kann noch bis kommenden Sonntag, 13.3., 23.59.

Im nachfolgenden Text begründe ich, warum ich Argumentation und Zielsetzung des BET für unvereinbar mit dem Interesse der Betroffenen halte.

Weitere Begründungen:

Problematisch ist bereits die formale Begründung dieser Förderung:

Das diskutierte Förderprojekt ist ein Projekt der Behindertenhilfe, das in der Vorhabenbeschreibung inhaltlich überzeugte, sich auf ein anerkanntes Fachkonzept beruft und formal alle Prüfungskriterien erfüllte.

Laut den Förderrichtlinien (Stand: 01.01.2016) der Aktion Mensch werden Vorhaben gefördert, „die die Lebenssituation von behinderten Menschen verbessern“. Die ABA-Anbieter fragen jedoch nicht den autistischen Klienten, sondern die Therapie wird über dessen Eltern abgewickelt.

Zum anerkannten Fachkonzept gibt es genügend vorgetragene Zweifel durch Erfahrungsberichte (sowohl Betroffene als auch ehemalige ABA-Therapeuten), durch wissenschaftliche Studien und über das Zustandekommen der wohlwollenden ABA-Studien selbst.

Wir beteiligen uns nicht an der Diskussion, ob die ABA-Therapie richtig ist oder falsch. Denn wie bei allen Fachkonzepten gibt es auch hier unterschiedliche Auffassungen. Was für die eine Gruppe richtig ist, kann für die andere Gruppe falsch sein. Verschiedene Meinungen sind üblich.

Für mich der kritischste Punkt der Argumentation überhaupt. Es wird also ein Projekt gefördert, ohne zu hinterfragen, ob es für die Betroffenen richtig ist? Zudem geht es hier nicht um die Wirksamkeit von harmlosen Therapien wie etwa bei Hypnose- oder Musiktherapie, die, wenn sie nicht helfen, zumindest keinen Schaden zufügen. ABA hat eine ganz andere Intention und sie stellt vor allem nicht den Klienten selbst in den Mittelpunkt.
Aktion Mensch hat ziemlich sicher keine Experten an Bord, um zu beurteilen, wie fundiert ABA wirklich ist. Im Grunde genommen steht ihnen damit auch nicht zu, über die Köpfe der Betroffenen hinweg etwas zu fördern, von dem sie keine Ahnung haben.

Es gibt einen zugehörigen Infoflyer zum Bremer Elterntraining, der einige NO-GO‘ im Hinblick auf ethische Richtlinien enthält!

Autistische Kinder sind aufgrund ihrer neurologischen Störung von Geburt an anders als normale Kinder.

Die Autoren des Flyers verweigern sich der neurodiversen Sichtweise, indem sie das autistische Gehirn als gestört und abnormal betrachten.

Um dem Kind möglichst viele, dem Lernen normaler Kinder vergleichbare Lernerfahrungen zu ermöglichen, muss die Therapie

  • so intensiv wie möglich (das bislang vorherrschende autistische Verhalten verhindert das Lernen)
  • möglichst die gesamte Wachzeit nach einem Gesamtkonzept struktieren
    (Lernen soll den ganzen Tag stattfinden)

Diese Aussage impliziert bereits drei fragwürdige Ziele:

  1. Das autistische Kind soll sich so verhalten wie normale Kinder.
  2. Das autistische Kind soll sein autistisches Verhalten ablegen.
  3. Das autistische Kind soll möglichst ununterbrochen lernen.

Das BET ist ein Elterntraining, es ist nicht direkt an das Kind gerichtet.

Das Kind steht also nicht im Mittelpunkt der Therapie, sondern die Eltern.

Sie tun es [ das Lernen] eben nicht wie normale Kinder quasi „von alleine“ (weil sie motiviert sind, weil sie gern mit anderen zusammen sind), sondern sie ziehen sich
desorientiert zurück, entwickeln Stereotypien, zwanghaftes Verhalten,
beschäftigen sich mit dem eigenen Körper.

Hier wird ein wesentlicher Faktor für Rückzugsverhalten unterschlagen: Über- und Unterempfindlichkeiten gegenüber äußeren (und inneren) Reizen mit nachfolgender Überforderung, Rückzugsverhalten, Selbststimulierendes Verhalten (Stereotypien).

Verhaltenstherapeutische Therapie- und Trainingsprogramme berücksichtigen
die für das jeweilige autistische Kind typischen Wahrnehmungs- und
Reizverarbeitungsstörungen und ermöglicht es jedem Kind, in kleinen Schritten
neue Fähigkeiten aufzubauen.

Genau das tun sie nicht, jedenfalls, wenn sich die Verhaltenstherapie in der Praxis so zeigt wie in den zahlreichen Videos, die von ABA-Anbietern selbst verbreitet werden. Insbesondere Überreizungen wie Berührungen und Blickkontakt werden darin offensichtlich missachtet, Kinder werden festgehalten oder angefasst, und gezwungen, in die Augen zu schauen. Davon abgesehen sind das für die autistischen Kinder keine Störungen, sondern es ist ihre individuelle Art der Wahrnehmung.

Verhaltenstherapie ist daher die Methode der Wahl bei autistischen Kindern.
Mit ihr lernen die Kinder neues Verhalten und Verhalten, das die Entwicklung
und das Lernen stört wird reduziert.

Diese Aussage impliziert eine Verhaltensmodifikation als Ziel der Therapie und ist wahrscheinlich eine der stärksten Indikatoren dafür, dass es sich hier um angewandte Verhaltensanalyse (ABA) handelt.

selbst-stimulierendes, stereotypes und anderes unangemessenes
Verhalten zu kontrollieren lernen und durch angemessenes Verhalten
ersetzen können

Neuerlich ein Widerspruch gegenüber der oben getroffenen Aussage, dass auf die „typischen Wahrnehmungs- und Reizverarbeitungsstörungen“ Rücksicht genommen wird, denn gerade selbststimulierendes Verhalten ist manchmal der einzige Weg, Overloads durch zuviel Reize vorzubeugen oder zu durchstehen, speziell, wenn dem Kind die Rückzugsmöglichkeit genommen wird („gesamte Wachzeit“). Und wer definiert, was angemessen ist und was nicht? Hier sollte man viel eher unterscheiden zwischen selbstschädigendem und harmlosem Verhalten, aber auch hier gibt es einfachere Möglichkeiten.

Es werden zunächst Grundlagen für das Lernen geschaffen. Die Kinder
lernen zunächst, einfache Aufforderungen zu befolgen (Setz dich, gib, zeig,
schau mich an).

Das klingt schon sehr nach (Hunde-)Dressur, und gerade das Anschauen bedeutet für manche Autisten ein „zuviel an Information“. Wegschauen heißt nicht nicht zuhören!

In den Rahmenbedingungen wird beschrieben, dass das BET aus dem EIBI (Early Intensive Behavior Intervention) hervorgeht. EIBI ist intensiv praktizierte Verhaltenstherapie nach ABA-Art.

Als Literatur zum BET werden sieben Artikel angegeben, die alle von den Entwicklern des BETs, H. Cordes und R. Cordes (Vater und Tochter) verfasst wurden. Eine unabhängige Evaluierung fehlt. Die Autoren betonen zum Abschluss, dass die AVT (= ABA) zur am besten evaluierten Fördermaßnahmen für autistische Kinder zählt (Gegendarstellung u.a. hier).

Einer der Autoren und Entwickler, H. Cordes, sagte in einer Pressemitteilung über BET:

„Es geht darum, dass die Kinder ihr gelerntes autistisches Verhalten vergessen und ein neues Verhalten erlernen“

Diese Aussage verdeutlicht das Ziel der Therapie, eine Verhaltensmodifikation herbeizuführen, die Autismus aus der Defizitperspektive betrachtet.

„Die Kinder leben in ihrer eigenen Welt. Unser Programm holt sie in unsere Welt.“

Obwohl sich Autisten manchmal wie auf dem falschen Planeten fühlen, bekommen sie sehr wohl mit, was in ihrer Umwelt geschieht. Autisten sind nicht dumm, sie äußern sich nur anders.

In der ÄrzteZeitung wird auch die geringe Resonanz erwähnt:

„Eigentlich unverständlich, dass unsere Verhaltenstherapie bei Pädiatern und Neurologen so wenig Resonanz findet“, wundert sich der Potsdamer Professor Wolfgang Ott, der auch im Vorstand des IFA ist und in Potsdam selber ein Elternprogramm betreibt, „bei Gehörlosen und Blinden ist sie längst anerkannt.“

Vielleicht liegt es daran, dass die Therapie anfangs als Dressur verschrien war, glaubt Ott.

Eventuell kann mich meine Leserschaft darüber aufklären, wie hier die Zusammenhänge sind, und wie Blinde und Gehörlose darüber denken. Autismus umfasst jedoch mehr als nur die Sprachentwicklung. Autismus ist zudem keine körperliche Behinderung, darum hinkt dieser Vergleich, der Autismus neuerlich aus der Defizitperspektive betrachtet.

[Das Dokument enthält übrigens viele Tippfehler, ignoriert öfter die Groß- und Kleinschreibung und klingt teilweise sehr wörtlich aus dem Englischen übersetzt.]

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2 Gedanken zu “„Aktion Mensch“ -leider sehr unkritisch!

  1. cloudcuckookiss 25. März 2016 / 11:05

    Während des Lesens dieses wertvollen Beitrags musste ich unwillkürlich an „X-Men“ denken: Der Vergleich mag albern klingen, aber letztlich ist es doch schon immer so gewesen, dass jene Menschen, die sich als ’normal‘ aufführten, die ‚Andersartigen‘ nicht verstanden und deshalb ausgrenzten oder eben unterjochten. Der relative Erfolg der vielfach kritisierten Therapieform wird jedoch auch auf die Eltern zurückzuführen sein, die sich von ihren autistischen Kindern überfordert fühlen und bereitwillig zu etwas Ja sagen, das ihnen den Alltag zu erleichtern verspricht. Ein konformes Leben zu führen, heißt im Grunde genommen nichts anders als: zu funktionieren.

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