Ursache und Wirkung der gestörten Darmflora bei Autismus

In Elternforen stößt man immer wieder auf Erfahrungsberichte, wo auf bestimmte Diäten geschworen wird, die angeblich autistische Symptome zurückbilden lassen. Als ich im Herbst 2014 über den Österreichischen Autismuskongress in Wien (20-21.09.14) recherchierte, stieß ich auf zweifelhafte Vorträge wie  ‚“Lass Nahrung deine Medizin sein“ – Warum eine Diät-Behandlung bei ASS?‚ und ‚Fehlernährung bei ASS‚, und weiters ‚Biomedizinische Behandlungen bei Autismus‚. Der eine Vortragende (John Kucera) kommt direkt von AutismSpeaks, die andere (Dominguez-Shaw) ist Ernährungsdiätspezialistin bei Autismus und ADHS.

Vor ein paar Tagen ließ das reißerische „Wissenschafts“-TV-Magazin Galileo mit einer Meldung über eine Datenbank in den Niederlanden aufhorchen, die Stuhlproben sammelt, um Therapien z.B. gegen lebensbedrohliche Durchfallerkrankungen zu entwickeln, indem Fäkalien eines gesunden Spenders transplantiert werden.Galileo ging noch einen Schritt weiter und spekulierte über eine Anwendung bei Autismus (keine anderes Medium, auch speziell in den Niederlanden, konstruierte hier einen Zusammenhang). Laut Organisatoren der Datenbank gibt es bisher keine wissenschaftlichen Beweise dafür, diese Therapie bei Autismus anzuwenden. Davon abgesehen ist das Verfahren offiziell noch gar nicht zugelassen.

Die Darm-Gehirn-Achse

Mehrere Studien in den letzten Jahren zeigen eine starke Korrelation zwischen gestörter Darmflora und Krankheitsbildern wie Fettsucht, Allergien, Autoimmunerkrankungen, Reizdarm und psychiatrischen Erscheinungen wie Depression oder Autismus. Sogenannte Microbiota (Mikroorganismen im Darm) spielen dabei eine fundamentale Rolle in der Veränderung von Immun-, Nerven- und Stoffwechselverbindungen, der sogenannten „Darm-Gehirn-Achse“ (Carabotti et al., 2015 – Volltext)

Bei autistischen Kindern hat man die Häufigkeit bestimmter Bakterienstämme nachgewiesen, etwa von der Ordnung Clostridial, z.B. bei Buie T. (2015, Abstract). Clostrium Difficile ist z.B. ein Anwendungsgebiet bei der von Galileo genannten Fäkaltransplantation.

Bei Mangiola et al. (2016, Volltext) wird das Endotoxin LPS (Lipopolysaccharid) genannt, das bei gestörter Darmfloria in die Blutbahn gelangt und die Anpassung des Zentralen Nervensystems beeinflusst (z.B. die Aktivität der Amygdala verstärkt). Signifikant erhöhte LPS-Werte hat man in einer Studie bei autistischen Menschen nachgewiesen.

Andere Studien zeigten keine klinisch signifikanten Unterschiede bei der Darmflora zwischen autistischen Kindern und ihren neurotypischen Geschwistern (Gondolia et al., 2012, Abstract).

Eine Stuhltransplation wurde bisher nur bei zwei autistischen Kindern angewendet, was zu einer „Verbesserung spezifischer Symptome“ führte (Aroniadis and Brandt, 2013). Die Autoren behaupten dort, dass Autism-Symptome sich oft dann zeigen, wenn gleichzeitig Magen-Darm-Beschwerden auftreten und zuvor Antibiotika benutzt wurden.

Ein Artikel von Pusponegoro et al. (2015) untersuchte einen möglichen Zusammenhang zwischen unangepasstem Verhalten und Magen-Darm-Störungen bei Kindern mit ASS und fand keinen.

Dinan und Cryan (2015, Abstract) merken an, dass weiterhin Diskussionsbedarf herrscht, ob der Einfluss der Darmflora zum Kern des Krankeitsbilds führt oder bloß eine Begleiterscheinung darstellt.

Ernährungstipps ohne wissenschaftliche Grundlage

Das sonst sehr geschätzte Buch von Rudy Simone über Aspergirls (2010) enthält auch ein Kapitel über Magenbeschwerden und Autismus. Hier ein gestörtes Magen-Darm-System als Ursache für Autismus genannt, weil dadurch giftige Substanzen aus der Umwelt und aus dem Essen in den Blutkreislauf und ins Gehirn gelangen. Simone betont außerdem, dass die meisten Autisten Magen-Darm-Probleme hätten und deren Mütter ebenso, und industriell verarbeitetes Essen Schuld sei, und daher ein Zusammenhang naheliegen müsse, und schließt das Kapitel mit mehr oder weniger radikalen Ernährungstipps ab.

Meine Meinung: Die USA sind der Inbegriff schlechter Ernährungsgewohnheiten, was sich zahlenmäßig in Rekordwerten bei Fettleibigkeit und Diabetes und anderen Erkrankungen niederschlägt.

Gluten- und kaseinfreie Diäten ?

Unter den empfohlenen Diäten taucht immer wieder die gluten- und kaseinfreie Diät (GFCF) auf. Hierzu gibt es mehrere Studien:

  1. Mari-Bauset et al. (2016): 20 Kinder auf GFCF-Diät, 85 mit normaler Ernährung. Bei GFCF geringeres Gewicht, BMI, etc., aber mehr Ballaststoffe, Hülsenfrüchte und Gemüse. Bessere Fettqualität, aber nötige Ergänzung mit Vitamin D. Bis 2014: Kein wissenschaftliches Fundament für generelle Anwendung einer GFCF-Diät bei Autismus.
  2. Lange et al. (2015, Experimentelle Psychologie, Universität Regensburg): Diät nur empfohlen, wenn Unverträglichkeiten/Allergien gegen Gluten oder Kasein festgestellt wurden.
  3. Hyman et al. (2016): Doppel-Blindstudie mit 14 autistischen Kindern. GFCF-Diät hatte keinen Einfluss auf Verhaltensprobleme oder Autismus-Symptome.
  4. Pusponegoro et al. (2015): Doppel-Blindstudie mit 74 autistischen Kindern mit Zugabe (!) von Gluten oder Kasein – keine Verstärkung autistischer Symptome
  5. Stewart et al. (2015): 288 Kinder nahmen an einer Querschnittsstudie mit GFCF-Diät teil, mehr als die Hälfte nahm Nahrungsergänzungsmittel und konnte Defizite in Vitamin D oder Calcium nicht ausgleichen (mehr Schaden als Nutzen).
  6. Feingold et al., 2002. Dieses Paper ging auf spät einsetzenden („regressiven“) Autismus ein, wo sich Symptome erst nach 1-2 Jahren zeigen und zuvor erworbene soziale Fertigkeiten wieder verlernt werden. Das Paper wurde jedoch von einer Unterorganisation von AutismSpeaks („Cure Autism Now“) und der Pharmaindustrie finanziert und scheidet als seriöse Quelle wegen des Interessenskonflikts aus.

Zusammenfassung:

Es erscheint mir absurd, dass besondere Fähigkeiten wie visuelle Wahrnehmung, Langzeitgedächtnis und Mustererkennung durch eine gestörte Darmflora zustandekommen. Fähigkeiten kann man auch nicht von Autismus trennen. Forschung zu Autismus findet jedoch weitgehend unter pathologischen Gesichtspunkten statt, d.h., eine Störung, ein Defizit, eine Krankheit, die beseitigt werden muss. Jedenfalls stellt sich hier die Frage, ob nicht die generelle Hyper/Hyposensitivität (die im DSM-V als optionales Diagnosekriterium hinzugefügt wurde) mit entsprechend einseitiger Ernährung für die gestörte Darmflora verantwortlich ist.

Gleichwohl es Verbindungen zwischen Darmflora und Gehirn gibt, die sich in beide Richtungen auswirken, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse dafür, dass Darmflora die Ursache für Autismus darstellt bzw. der Versuch, die Begleiterscheinung auszumerzen auch den Autismus abschwächt. Korrelation und Kausalität dürfen nicht verwechselt werden.

Bei einzelnen Berichten über Fortschritte treten mitunter ähnliche Effekte wie bei Homöopathie auf, wo die Erwartungshaltung an das Kind durch die Therapie oder Diät verändert wird, die Eltern gelassener werden und der Druck auf das Kind weniger. Unter Stress verschlimmern sich Symptome wie Meltdowns, Shutdowns, Aggressionen, Selbststimulierendes Verhalten, etc.

Unbestritten ist, dass „Stress auf den Magen schlägt“, und weil Autisten quasi seit frühester Kindheit an unter erhöhtem Stress stehen, dürfte es nicht verwundern, wenn das bis zur Darmflora durchschlägt. Wir erinnern uns mit Schaudern zurück an den MMS-Skandal, wo Quacksalber aus den USA mit giftiger Chlorbleiche Autismus durch eine „Darmreinigung“ heilen wollten und die Behörden in Europa erst einmal tatenlos zusahen.

Letzendlich empfehlen die Forscher derzeit, eine gluten- und caseinfreie Diät nur bei bekannter Allergie/Unverträglichkeit anzuwenden. Und natürlich sollte Menschen mit chronischen Magendarmbeschwerden geholfen werden, auch Autisten. Nur geht es hier um die Linderung der Magendarmbeschwerden, nicht ums Wegzaubern des Autismus.

Advertisements

3 Gedanken zu “Ursache und Wirkung der gestörten Darmflora bei Autismus

  1. blutigerlaie 29. Februar 2016 / 23:01

    Tja, wieder so eine Hypothese, die mal eben hier wohl bei Galileo) aufgestellt /verbreitet wird und bei irgendjemand dann auch hängenbleibt … oder überhaupt bleibt hängen, daß man gegen diesen doofen Autismus doch mal etwas finden muß, und das richtet IMO mehr Schaden an als alle Diäten. Inhaltlich kann ich mir auch nur vorstellen, daß da die Kausalität von hinten aufgezäumt wird, Darmgifte hin oder her: wie sonst ließe sich erklären, daß Autisten über Generationen und verschiedene (Ess-)Kulturen hinweg und mit und ohne Impfung /Antibiotika sich so gleichen?

    Gefällt 1 Person

  2. nuovarealta 4. März 2016 / 22:03

    Danke Für die gute und aktueller Studienübersicht zum Thema!
    Meine Auffasung von „Autismus“ ist eine Gruppe von Merkmalen, die Ausdruck von Anpassungsversuchen an bestimmte neurobiologische und Umweltbedingungen sind, und ganz unterschiedliche Ursachen haben können. Damit sind wir bei der Heterogenität der Gruppe der Autisten. Bei jeder heterogenen Stichprobe ist es schwierig, dass eine Methode für alle wirkt. Das heißt aber nicht, dass die nicht für eine bestimmte Untergruppe sehr wohl wirkt. Die Stichprobenzusammenstellung für die Untersuchung von Diäten müsste meiner Meinung nach nach viel detaillierteren Kriterien zu homogeneren Gruppen erfolgen. Die sensorische Empfindlichkeit könnte eines dieser Kriterien sein. Dann könnte man vielleicht klarer herausbekommen, bei welchen Kindern welche Diäten wirken.

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.