Gender Dysphorie und Autismus: Was sagt die Wissenschaft?

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In den vergangenen Wochen und Monaten, wo nicht nur der Riss durch die Gesellschaft sichtbar wurde, sondern auch durch die Autismus-Communities, beißen wir uns zunehmend auf Begrifflichkeiten fest. Zuerst war die korrekte Definition von Neurodivergenz die große Streitfrage, kurz darauf die Selbstdiagnose und schließlich autismgender – eine Zusammenziehung von Autismus und Gender. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, sagen die Kritiker, wobei die Ablehnung teilweise recht heftig zum Ausdruck gebracht wird. Doch was heißt autismgender eigentlich? Gibt es dafür wissenschaftliche Untermauerungen? Und warum kann man nicht einer Teilgruppe von Autisten eigene Bezeichnungen zugestehen?

Begriffsdschungel

Zuerst muss ich zugeben, dass es mir manchmal schwer fällt, eine Diskussion mit Menschen aus dem genderfluiden Spektrum zu führen. Genderqueer, Genderfluid, cis, trans, nonbinary, weiße, abled, neurodivergent, neurodivers, er/sie/sie, etc…, scheinbar gibt es keine Grenzen, was die Erfindung neuer Begriffe, weitererer Schubladen gibt, Fettnäpfchen, in die ich trete, weil ich jemanden nicht korrekt anspreche. Einordnung ist wichtig, nicht nur von sich selbst, sondern auch die Aussagen anderer. In Autismus-Foren besteht der Wunsch, anzugeben, ob man Verdachts-, Nichtautist oder Autist ist – um die Aussage einordnen zu können. Weil bei einer gegenteiligen Meinung sofort klarscheint „der ist keiner von uns, der versteht das nicht!“? Ich erleben den Wunsch nach Einordnung auch unter den Menschen, die nicht in die klare Unterscheidung Mann-Frau hineinpassen. Das empfinde ich als völlig natürlich. (Fast) jeder Mensch strebt nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe Gleichgesinnter. In vielen Ländern der Welt muss man sich mit einer anderen sexuellen Identität oder Genderidentität verstecken oder fürchten, hat nicht die gleichen Rechte wie binäre Menschen. Der Leidensdruck, die Vorurteile und das Unverständnis sind groß. Die Kunstfigur Conchita Wurst, die vor zwei Jahren den Songcontest für Österreich gewann, wurde immer wieder mit Transsexualität verwechselt.

Einerseits ist verständlich, warum sich über das Unverständnis beklagt wird, andererseits sind die vielen benutzten Begriffe für Außenstehende verwirrend, die Bedeutung wird quasi vorausgesetzt. Bis vor wenigen Tagen hätte ich neurodivergent und neurodivers synonym benutzt. Handelt es sich hier um wissenschaftliche Begriffe? Nein, sie wurden innerhalb der Community eingeführt. Und das ist ein Punkt, den ich gut nachvollziehen kann, mit mehreren Beispielen:

Wir wehren uns innerhalb der Autismus-Community dagegen, Autismus als Krankheit oder Erkrankung zu bezeichnen, viele von uns sehen Autismus als „andere Wahrnehmung“, eine wertneutrale Beschreibung, die vom DSM-5 abgesehen (und auch da nur teilweise) noch nicht in den offiziellen Diagnosekriterien erfasst wird. Weil wir den Krankheitsbegriff und damit auch den Heilungsbedarf ablehnen, können wir den ABA-Befürwortern gegenüber argumentieren, dass hier eine Umerziehung oder Normangleichung stattfindet. Die Therapie setzt am Verhalten an statt die Wahrnehmung zu respektieren und die Verarbeitung zu verbessern (aus der das Verhalten resultiert).

Das Klinefelter-Syndrom tritt bei Menschen mit dem Chromosomensatz 47,XXY auf und ist gekennzeichnet durch Hypogonadismus (unterdurchschnittliche Testosteronwerte), der sich zuerst in der Mini-Pubertät (die ersten drei Lebensmonate) bemerkbar machen kann, sowie später in der Pubertät, manchmal aber auch erst im Erwachsenenalter. In der Wissenschaft werden Klinefelter-Syndrom und 47,XXY synonym verwendet, eine Testosteronersatztherapie wird standardmäßig empfohlen. Nun lehnen manche Betroffene diese Therapie ab, weil sie sich nicht als Mann identifizieren. Für sie bedeuten die niedrigen Testosteronwerte keinen Mangel, sondern sind Teil ihrer Identität, das betrifft auch u.U. weiblichen Körperbau, Brustentwicklung, spärliche Körperbehaarung und Genderidentität. Sie wollen nicht vermännlicht werden, und entscheiden sich mitunter für eine Östrogentherapie  (1). Betroffene lehnen daher den Begriff Klinefelter für sich ab, und bevorzugen 47,XXY oder einfach XXY. Die Forscher respektieren diese Sichtweise zunehmend, in einigen Publikationen wird nur von 47,XXY gesprochen.

Ob man alleine den Chromosomensatz 47,XXY als synonym für intersexuell verwenden kann, ist in den XXY-Communities heftig umstritten und hängt (wieder) von der Definition ab. Das Y-Chromosom sorgt für die männliche Genitalienausbildung, während das zweite X-Chromosom die Anatomie, das Gefühlsleben und das Sozialverhalten tendenziell weiblich gestaltet. Das Sozialverhalten zeigt zudem im Schnitt autistischeres Verhalten als in den Kontrollgruppen, sowohl bei 47,XXY als auch 47,XXX (2). Zahlreiche Studien und Erfahrungen aus Selbsthilfevereinen zeigen eine Häufung der Diagnose Asperger oder PDD-NOS (pervasive development disorder, not otherwise specified) bei 47,XXY und legen einen kausalen Zusammenhang mit Autismus nahe.

Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn Betroffene aus der oktroyierten Pathologisierung ausbrechen wollen und eigene, neutral formulierte Begriffe entwickeln, sei es neurodivergent, neuroqueer, genderqueer, genderdivers, Autismus-Spektrum (ohne Störung), XXY (als genetische Vielfalt), usw. Niemand ist gezwungen, diese Bezeichnungen für sich zu übernehmen. Innerhalb der Communities existieren weiterhin die Klinefelter, jene, die Autismus als Behinderung empfinden, die einen hohen Leidensdruck aufweisen. Warum können wir uns trotz unterschiedlicher Identifikation nicht gegenseitig respektieren?

Gender, Hormone und Autismus

Bis zum heutigen Tag sind die Ursachen für Autismus nicht geklärt. Die Forscher stimmen zwar zunehmend darüber ein, dass der genetische Einfluss dominiert, und die multiple-hit-Hypothese (mehrere Gene gemeinsam bringen autistisches Verhalten hervor) ist zunehmend angenommen, doch wie das genau funktioniert, und wie die Gene die Gehirnverdrahtung beeinflussen, bleibt ein Rätsel. Baron-Cohen ist der Begründer der „extreme-male-brain“-Hypothese, nach der die Föten im Mutterleib erhöhten Testosterondosen ausgesetzt sind (11).

Gender Dysphorie: Unzufriedenheit/Unbehagen/Leidensdruck mit dem durch die Geburt zugewiesenem Geschlecht. (gemäß DSM-5) – als mögliche Ursachen gelten neben Chromosomenabweichungen, Androgenresistenz, niedrige Werte von HY-Antigen (das nur bei Zellen von Männern, nicht aber bei Frauen vorkommt) auch die hormonelle Beeinflussung des Nervensystems des Fötus im Mutterleib.

In beiden Fällen wird also eine hormonelle Beeinflussung noch in der Schwangerschaft vermutet, doch schlägt sich dies auch in der Faktenlage nieder?

Die Pubmed-Suche ergibt 16 Beiträge zu „Gender Dysphoria and autism“ (Stand, 16.2.16), darunter eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Gender Identity Disorder (GID) nahelegt, nachdem klinische Studien zeigen, dass Schizophrenie bei GID häufiger als in der Allgemeinbevölkerung vorkommt (6).

both these disorders are associated with altered cerebral sexual dimorphism and changes in cerebral lateralization

(cerebral lateralization bezieht sich auf die Aufgabenverteilung der beiden Gehirnhälften, cerebral sexual dimorphismus auf Geschlechterunterschiede im Gehirn)

Eine Studie mit 166 Kindern und Erwachsenen mit Gender Dysphoria ergab, dass etwa die Hälfte Auffälligkeiten im Sozialverhalten und eine Diagnose aus dem autistischen Spektrum aufwies (7). Auch bei 39 Jugendlichen mit Gender Dysphoria wurde etwa bei einem Viertel Asperger festgestellt (8).

Bei XXY existieren widersprüchliche Angaben: Claus Gravholt von der University of Aarhus, Dänemark, schrieb mir, dass in seiner urologischen Klinik mit über 300 Klinefelter-Patienten Intersexualität oder Transgender nicht gehäuft vorkämen. Zwei Studien von 2011 und 2013 deuten allerdings auf eine Häufung von XXY bei Transexuellen hin. (12)

Hormonabweichungen zeigen sich auch beim Turner-Syndrom (45,X), deren betroffenen Frauen ein X-Chromosom fehlt und zu wenig Östrogen produzieren. Auch bei 45,X-Frauen treten autistische Verhaltensweisen häufiger auf (3). In anderen Studien fand man heraus, dass manche Autisten erhöhte Testosteronwerte aufweisen (4), auch Frauen berichten darüber (5).

Wir arbeiten hier leider mit enormen Dunkelziffern, bei XXY selbst, bei Frauen mit Autismus, bei AutistInnen mit Gender Dysphorie, usw. Über die Ursachen gehäuften Auftretens gibt es daher keinen Konsens unter den Wissenschaftlern (9). Und bitte: Wir sprechen von Häufungen, nicht von 100%igen Übereinstimmungen, was alles noch komplizierter macht.

Wie zeigt sich Gender Dysphorie bei Autisten?

Hier eine Erklärung von Dr. Lawson, Psychologe und Autist, über Gender Dysphoria bei Kindern (10.)

Rund 20 % der Autisten leben mit Gender Dysphoria. Dies zeigt sich recht augenscheinlich bei sehr kleinen Kindern, die sich weigern, geschlechterentsprechende Kleidung zu tragen (z.B. Mädchen, die sich weigern Kleider zu tragen und Buben, die keine Hosen und stattdessen Kleider tragen wollen). Sie könnten auch darauf bestehen, mit einem gegenteiligen Gendernamen gerufen zu werden, den sie selbst auswählten, statt mit dem Geburtsnamen. Falls es sich um ein angenommenes „Spezialinteresse“ handelt, ist es unwahrscheinlich, dass es lange andauert. Doch sollte besonders bei Kindern die Möglichkeit einer Gender Dysphoria betrachtet werden, und Eltern sollten auf entsprechende Hinweise achten, u.a.
  • nach Interessen suchen, die typisch für das andere Geschlecht sind
  • sich wünschen, sie wären ein Mädchen (oder Junge)
  • sich wie Mädchen (oder Buben) kleiden
  • mit Spielsachen spielen, die typisch fürs andere Geschlecht gelten

Weitere Schilderungen auf dem Blog Neuroqueer.

Zusammenfassung

Es ist schwierig, ein Thema mit so vielen Unklarheiten abzuschließen. Ich bin nicht Teil der Genderqueer/Neuroqueer-Community, ich bin generell immer ein bisschen abseits von Gruppen und fürchte – leider oft berechtigt – die Gruppendynamik dahinter, die dazu neigt, mit Vehemenz und Unsachlichkeit andere Ansichten auszuschließen. Ich habe nichts gegen den Begriff autismgender – die Fachliteratur zeigt meiner Ansicht nach, dass Zusammenhänge zwischen Gender, Hormone, Autismus und Chromosomenabweichungen bestehen. Die Vielfalt innerhalb des Autismus-Spektrums ist Fakt, auch wenn sich einige dagegen sträuben. Und obwohl es so viele Schubladen gibt, so viel Trennendes, gibt es genauso viel Gemeinsamkeiten. Wir könnten uns gemeinsam für mehr Respekt und Toleranz einsetzen, statt Zusammenhänge von vorneherein auszuschließen. Genauso müssen wir aber auch respektieren, wenn andere neue Begriffe nicht gut finden und das sachlich begründen.

Quellen:

Für alle Studien muss man die jeweiligen Einschränkungen beim Studiendesign betrachten, die jedoch leider nicht immer öffentlich zugänglich sind (wenn z.B. nur der Abstract verfügbar ist).

(1) Gender in Klinefelter syndrom and 47,XXY

(2) Das kognitive Profil von 47,XXY und 47,XXX

(3) Social skills impairments in girls with Turner syndrome.

(4) Sex differences in autism spectrum disorders

(5) Hormonhaushalt bei Frauen im Spektrum (Blog)

(6) Gender identity disorder and schizophrenia: neurodevelopmental disorders with common causal mechanisms?

(7) Brief Report: Autistic Features in Children and Adolescents with Gender Dysphoria.

(8) Evaluation of Asperger Syndrome in Youth Presenting to a Gender Dysphoria Clinic.

(9) Gender Identity and Autism Spectrum Disorders

(10) Tania Marshall: Gender Dysphoria

(11) Baron-Cohen S., The Extreme Male Brain Theory of Autism, Trends in Cognitive Sciences, Vol.6, 6, June 2002, 248-254

(12)  Inoubli et al. Karyotyping, is it worthwhile in transsexualism? J Sex Med 2011;8:475-78.

Auer et al. Twenty years of endocrinologic treatment in transsexualism: analyzing the role of chromosomal analysis and hormonal profiling in the diagnostic work-up. Fertil Steril 2013; 100(4):1103-10.

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