Übersetzung: Anleitung zur Selbstdiagnose

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Nachfolgend eine Übersetzung von MusingsofanAspie, einer in den USA bekannten autistischen Bloggerin.
Adult ASD: Self-diagnosis or Professional Diagnosis?

Die bekannte Bloggerin zieht ein schnörkelloses Fazit bei Erwachsenen mit Autismus: Du hast umfangreiche Nachforschungen betrieben, festgestellt, dass Du im autistischen Spektrum bist und Deine Selbstdiagnose ist meistens in den [amerikanischen] Autismus-Communities anerkannt. Warum?

  • Asperger und Autismus zeigen sich bei Erwachsenen anders als bei Kindern, es ist generell schwer, erfahrene und geübte Diagnostiker zu finden.
  • Viele Erwachsene erhalten zahlreiche Fehldiagnosen, bis sie die korrekte Diagnose Asperger oder Autismus bekommen.
  • Vor allem Frauen werden oft fehldiagnostiziert, weil sie anders wirken als männliche Aspies, auf denen das traditionelle Modell basiert.
  • Die Diagnose kann kostenaufwändig sein und wird von den meisten Krankenversicherungen nicht [bzw. in Österreich nicht vollständig] abgedeckt.
  • Diagnosen können stigmatisieren oder praktische Einschränkungen nach sich ziehen, etwa nicht zur Armee gehen zu können oder wenn Elternrechte in Frage gestellt werden [in D/ AT: Hindernis für Verbeamtung, Versicherungen, etc.]

Wie funktioniert Selbstdiagnose? Den AQ-Test absolvieren reicht nicht aus.

Vorgehensweise:

  • Schau auf den DSM oder die ICD-Kriterien für Autismus.
  • Sei Dir im Klaren, dass Du jedes Kriterium verstehst. Bei Erwachsenen zeigen sich die Kriterien auf andere Weise als bei Kindern. Schau also nach Beispielen für Eigenschaften von Erwachsenen. Es kann auch hilfreich sein, in die Kindheit zurückzugehen und festzustellen, ob man die frühen Anzeichen für Autismus aufgewiesen hat.
  • Lies Bücher über das Thema, sowohl Fachliteratur als auch persönliche Erfahrungsberichte.
  • Lies Erfahrungen von erwachsenen Autisten. Wenn möglich, rede mit einem oder mehreren Autisten. Seine Erlebnisse zu vergleichen, kann einen Verdacht erhärten. Viele Autisten sind zudem online, auf Tumblr, Facebook, Twitter und Blogger, die sich oft freuen, wenn sie Fragen über spezielle Aspekte von Autismus beantworten dürfen. Vergiss nicht, dass Autismus ein Spektrum mit Meinungsvielfalt ist, und nicht jeder persönliche Erfahrungen mit jedem teilen will.
  • Mache eine realistische Einschätzung Deiner autistischen Eigenschaften aufgrund Deiner Lektüre.
  • Rede mit einem oder mehreren Vertrauenspersonen in Deinem Leben über Deine Selbsteinschätzung. Sehen sie die gleichen Symptome wie Du? Zeige ihnen eine Liste mit Autismus-Symptomen. Sehen Sie Eigenheiten, die Du nicht berücksichtigt hast?
  • Wenn Du Zugang zu Material aus der Kindheit hast, wie Schularbeiten, Zeugnisse, Babybücher oder alte Heimvideos, betrachte sie im Kontext der Kindheitssymptome für Autismus.
  • Wenn möglich (und wenn Du Dich dabei wohlfühlst), frage Deine Eltern über Deine Kindheit. Wenn Du Deine Fragen nicht in den Bezug zu autistischen Symptomen stellen willst, kannst Du auch einfach Fragen stellen wie „Sagten meine Lehrer, dass ich X tat oder mich wie Y verhielt?“ oder „Erinnerst Du Dich daran, dass ich X,Y,Z tat, als ich ein Kind war?“
  • Beachte bei Deinen Nachforschungen, dass nicht jeder jedes Symptom zeigt. Symptome variieren in Heftigkeit und Erscheinung über die Lebenszeit hinweg, und werden mit dem Älter werden auffälliger oder weniger auffällig. In der Tat ist es nicht ungewöhnlich, festzustellen, dass mit zunehmenden Alter einzelne Teilbereiche (z.B. sensorische Empfindlichkeiten) besser bewältigbar werden, während andere (etwa exekutive Dysfunktionen) sich verschlechtern.

Während Du Deine Nachforschungen allmählich abschließt, solltest Du bereits eine gute Idee darüber haben, ob Asperger oder Autismus zu Dir passt. Viele Erwachsene geben sich damit zufrieden und identifizieren sich aufgrund ihrer Selbstfindungsprozesse als Aspie oder autistisch. Andere verspüren das Bedürfnis (oder haben einen speziellen Grund) nach einer professionellen Diagnose, was sich als langer und mühsamer Weg herausstellen kann.

Selbst wenn Du ohnehin eine professionelle Abklärung anstrebst, kann dieser Selbstfindungsprozess vorangehen. Oftmals setzt die Diagnostik überzeugende Argumente voraus, weshalb Du denkst, dass eine Autismus-Diagnose bei Dir zutrifft.

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Anhang: Charakteristische Symptome von erwachsenen Asperger-Autisten

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Achtung: Die hier angegebenen Symptome wurden möglichst praxisnah erstellt und entsprechen nicht 1:1 den derzeit gängigen diagnostischen Kriterien gemäß ICD-10 / DSM-IV; die Symptome können dabei in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden sein.

Quelle: http://www.springermedizin.at/artikel/16431-das-asperger-syndrom-bei-erwachsenen

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Ein Gedanke zu “Übersetzung: Anleitung zur Selbstdiagnose

  1. lizzzy07 13. Februar 2016 / 14:38

    Die Frage ist doch auch oft, wie man drauf kommt, eine Diagnostik überhaupt in Angriff zu nehmen. Nach allem, was ich weiß, beginnt es damit, eine Erklärung für seine Eigenheiten und Schwierigkeiten zu suchen. Das war auch mein Motiv, mich an meine damalige Klassenlehrerin zu wenden. „Warum bin ich so anders als die anderen? Ich finde irgendwie nicht so richtig Anschluss.“, klagte ich ihr damals. Irgendwie stößt man dann auf Autismus Und dann folgt in der Regel, was du übersetzt hast: „Vorgehensweise: Schau auf den DSM oder die ICD-Kriterien für Autismus … ff.“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Erwachsner aus heiterem Himmel darauf kommt, dass Autismus all seine Probleme erklären würde.

    Dass ich als diagnostiziertes weibliches Wesen eher eine Ausnahme bin, den Eindruck habe ich auch. Und gefühlt ist unser Kreis autistenfreie Zone. An Autisten der selben Altersgruppe in der näheren Umgebung heranzukommen, ist kaum möglich. Über den nächsten Regionalverband von Autismus Deutschland vielleicht. Aber schauen die überhaupt mal in ihr E-Mail-Postfach? Erst kommt lange gar keine Antwort, dann nicht das, was ich wissen wollte. Das war das Ergebnis des ersten Kontaktversuchs. So beschränkt sich der Kontakt mit anderen Autisten auf das Internet. Andrerseits: So weit komme ich klar. Wenn ich nur nicht an Vorstellungsgesprächen scheitern würde. Dann wäre ich gänzlich happy. Das sage ich heute. Vor ein paar Jahren war das anders. Und in ein paar Jahren kann das anders aussehen. Dir alles Gute.

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