Jeder gegen Jeden?

freistellung

Seit einem halben Jahr bin ich offizielles Mitglied der Autismus-Gemeinde. Vor der Diagnose hatte ich mich bereits intensiv mit Autismus auseinandergesetzt, Blogs und Autobiografien, einschlägig bekannte Fachbücher auf Deutsch und Englisch gelesen, auch Fachzeitschriften und -artikel erweckten mein Interesse, besser gesagt Spezialinteresse. Seitdem habe ich nicht nur positive Erfahrungen innerhalb der Autisten-Communities gemacht, sondern auch das Bedürfnis bei manchen festgestellt, sich deutlich von den negativ konnotierten Persönlichkeitsstörungen oder von Neurotypischen abzugrenzen, manchmal aber auch den Autismus der anderen in Zweifel zu ziehen.

Die ersten Erfahrungen als Verdachtsautist in streng moderierten Foren waren eher negativ: Aufgrund meiner Erstdiagnose (XXY) wurde ein Zusammenhang mit Autismus vehement abgestritten, ich solle doch mit XXY weitermachen, weil XXY bereits alles abdecken würde. Bei den XXY hingegen fand ich mich überhaupt nicht wieder und etwaige Zusammenhänge wurden als Unsinn abgetan oder unzutreffende Annahmen gemacht (etwa, dass mein besonders sensibles Gehör mit einer Schwerhörigkeit zusammenhinge, die definitiv nicht vorliegt). Naturgemäß darf man Differentialdiagnosen nicht ausschließen, doch letzendlich wurde meine Diagnose offiziell bestätigt, und ich fand in zahlreichen Fachartikeln und auf ausländischen Selbsthilfeseiten von XXY sehr wohl Zusammenhänge zwischen Autismus und XXY. Leider streiten deutschsprachige Selbsthilfevereine bis heute einen Zusammenhang ab. Denn die noch größere Dunkelziffer bei XXY könnte etwa verringert werden, wenn auch bei Autisten genetische Tests erfolgen. Genetische Untersuchungen sind jedoch umstritten, weil befürchtet wird, dass nach Möglichkeiten gesucht wird, autistische Kinder abzutreiben. Abseits von Verhaltensauffälligkeiten wird XXY nämlich oft zu spät entdeckt, durch unerfüllten Kinderwunsch oder Folgeerkrankungen. Ein bis dahin ungelöstes Dilemma.

Zurück zu den Autismus-Communities: Das Verständnis vom eigenen Autismus und dem der anderen ist stark geprägt vom Zeitpunkt der Diagnose, vom Wissensstand, von der Erweiterung der Diagnosekriterien, aber auch davon, inwiefern man mit weiteren Autisten Kontakt hat, die nicht dem eigenen Autismus-Bild entsprechen. Jeder Mensch bewegt sich tendenziell in einer Filterblase, umgeben von Gleichgesinnten. Fremde werden zunächst skeptisch beäugt, ebenso verhält es sich mit konträren Ansichten. Eine typische Argumentationsweise, um die Diagnose eines anderen Autisten oder auch nur dessen Verdacht in Zweifel zu ziehen, ist „Ich kenne viele Autisten, aber die sind alle anders als Du.“ Bis heute hat sich auch in den Köpfen der meisten Menschen, aber auch vieler Fachkräfte das Bild erhalten, dass alle Autisten keinen Blickkontakt suchen, keine Berührungen mögen, keine Freunde haben können und auch keinen Wert auf Gesellschaft legen. Mit dieser irreführenden Grundannahme kommen viele Autismus-Diagnosen erst gar nicht zustande, Frauen sind dabei noch stärker von Nichtdiagnosen betroffen als Männer, weil sie zu sozialem Verhalten erzogen werden. Weil Autismus eine Verhaltensdiagnose ist und nur in rund 20 % der Fälle genetische (Mit-)Ursachen bekannt sind, nützen die besten Kriterien und Goldstandards nichts, wenn deren Auslegung subjektiv bleibt. Autismus bleibt also in den meisten Fällen eine unscharfe Diagnose, deren Symptome sich zum Teil mit Persönlichkeitsstörungen wie Borderline, Schizophrenie oder anderen neurologischen Varianten wie ADS und ADHS überlappen, wie Auswertungen des AQ-Tests von Cohen oder Studien zeigen.

Eng verbunden mit den Überlappungen stellt sich für viele von uns auch die Frage nach der Begrifflichkeit. Autist ist oftmals noch negativ konnotiert und wird häufig mit frühkindlichem Autismus gleichgesetzt. Asperger ist zum Teil unbekannt, zum Teil dominieren Klischees des verschrobenen Softwareentwicklers mit brillanten Programmier- und Mathematikkenntnissen, was jedoch nicht auf alle Asperger-Autisten zutrifft. Aspie empfinden manche Autisten als Verniedlichung oder Verharmlosungen ihrer Schwierigkeiten, die mit den Stärken einhergehen und nicht immer losgelöst betrachtet werden können. Im angloamerikanischen Raum hat sich der Begriff Neurodivergenz durchgesetzt, der neben Autismus auch ADHS miteinschließt und eine neurologische, von der Mehrheit abweichende Wahrnehmung meint. Neurodivergenz wird dabei als neutrale, wertfreie Eigenschaft verstanden, im Gegensatz zu den pathologischen Diagnosen Autismus oder ADHS als Erkrankung oder Störung.

Jedoch lassen sich neurodivergent und Persönlichkeitsstörungen nicht trennen. Auch ein Autist oder ADHSler kann schizophrene Anteile aufweisen oder jene einer bipolaren oder dissoziativen Störung, die mitunter durch ein Trauma in der Kindheit entstanden ist.

Nick Walker erweitert den Begrifflichkeitsdschungel:

Neurodiversität ist biologisch nachweisbar, es handelt sich um keine soziale oder politische Anschauung, sondern um die unendliche Vielfalt an menschlichen Gehirnen und Gedanken und ihrer neurokognitiven Funktionen. Neurodiversität ist nicht die Eigenschaft des Einzelnen, sondern der Gesamtheit. Bei einem Einzelnen wird sie neurodivergent genannt.

Neurotypisch wiederum ist nicht gleichzusetzen mit nichtautistisch, sondern nur das Gegenteil von neurodivergent. Walker beharrt darauf, für Einzelne oder für Autisten den Begriff neurodivergent statt neurodivers zu verwenden. Neurotypisch wird oft abwertend verwendet, wenn man das Verhalten von Nichtautisten meint. Im englischen Sprachgebrauch existiert für nichtautistisch auch noch allistic.

Wer nun vollends verwirrt ist, dem geht es wie mir: Was darf man denn überhaupt noch sagen, und wie wird es dann verstanden? Einigen wir uns darauf, dass wir alle Menschen sind, dass die neurotypische Perspektive wie die neurodiverse oder neurodivergente Perspektive ebenso ihre Berechtigung haben. Es geht hier nicht um besser oder schlechter, sondern um verschiedene Perspektiven. Eine exzellente Lektüre hierzu ist das Buch von Ian Ford – A Field Guide to Earthlings. An Autistic/Asperger View of Neurotypical Behavior, 2010, das Einblick in die neurotypische Sichtweise gibt, ohne den autistischen Leser dazu anzuleiten, diese zu übernehmen. Auch das Zwei-Welten-Modell von Brit Wilczek sieht beide Perspektiven gleichberechtigt und lädt dazu ein, jeweils die Welt des anderen kennenzulernen, um voneinander zu lernen und zu verstehen.

Eines möchte ich dabei am Rande erwähnen, auch wenn es mich selbst immer wieder in Erklärungsnöte bringt. Ich nenne etwas, das speziell mir als Autist schwerfällt, und der Nichtautist antwortet wie aus der Pistole geschossen: „So geht es mir auch. Und so geht es sicher vielen Menschen!“ Bisweilen noch mit dem Nachsatz „Dann wären wir ja alle Autisten!“ Kein Symptom von Autismus ist ein Alleinstehungsmerkmal, erst die Summe und/oder die Ausprägung der Symptome definiert Autismus. Es gibt also durchaus Überlappungen mit Nichtautisten, sei es bei der empfindlichen Nase, bei Migräneattacken, bei der Abneigung von Smalltalk und Telefonieren, bei der Unbeholfenheit andere anzusprechen, oder bei sonderbaren eng umgrenzten Interessen. Das subjektive Gefühl mag ein anderes sein, aber ich stelle durchaus fest, dass ich mit Menschen – ob Autist oder nicht – besser  auskomme, die einen Teil meiner Symptomatik teilen. Damit stelle ich die Gemeinsamkeit in den Vordergrund, nicht das Trennende.

Das würde uns allen in den Autismus-Communities gut tun, etwa auch bei den heftigen Debatten, ob man mit ABA-Vertretern in den Dialog* gehen darf oder nicht, oder wie man mit Diagnosezweifeln umgeht. Weil eines ist leider auch ein verbindendes Merkmal vieler Autisten: Ausgrenzung, Isolation und Mobbing. Lassen wir das nicht innerhalb der Autismus-Gemeinden auch noch geschehen!

*in den Dialog gehen, heißt nicht, mit seiner Meinung hineingehen und mit der des Gegenübers hinausgehen. Um Überzeugungsarbeit zu leisten, muss man jedoch die Beweggründe des anderen verstehen.

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4 Gedanken zu “Jeder gegen Jeden?

  1. pibo 28. Januar 2016 / 0:44

    Alle Menschen sind gleich, jeder Mensch ist anders, besonders Die, die darauf bestehen.

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  2. robins 29. Januar 2016 / 18:54

    Aspie gefällt mir! Trotzdem oder weil es niedlich wirkt? ADHSler gefällt mir überhaupt nicht, das konnotiert!

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  3. Bucher 8. März 2017 / 22:42

    Kenne einige Menschen, die mit der Umwelt nicht zurechtkommen (was ich gut verstehen kann) und dann in der Autismuswelt nach einer passenden Diagnose suchen. Wenn man ihnen sagt, dass die Diagnose nicht zutreffen kann, reagieren sie zunächst verunsichert, werden z.T. sogar aggressiv.
    Schade, dass bei Andersartigkeit rasch in die Kiste der Autismus-Diagnosen gegriffen wird. Eine Katastrophe für Kinder, deren Eltern mit ihren (andersartigen und völlig gesunden) Kindern nicht zurechtkommen und daher in einer solchen (Fehl-)Diagnose Trost suchen.
    Siehe dazu: „Kinder sind anders“ von Maria Montessori

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