Autismus im Beruf (I)

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… Don’t try to be an apple if you are a banana …

Im Vergleich zur generellen Bevölkerung sind Autisten häufiger von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen. Nur rund 15 % der erwerbsfähigen Autisten arbeiten Vollzeit. Viele arbeiten Teilzeit oder wechseln häufig den Job, weil auf ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse zu wenig Rücksicht genommen wird. Als Träger einer unsichtbaren Behinderung gibt es nur selten Arbeitsassistenzen für Autisten, wesentlich häufiger sind Autisten in geschützten Werkstätten anzutreffen oder es wird automatisch angenommen, dass wir alle für Computerprogrammierarbeit hervorragend geeignet seien.

Es ist niemals in Ordnung zu sagen, dass autistische Genetik für die Gesellschaft wichtig ist, weil manche von uns Dinge bauen, erzeugen oder entwickeln können und wir folglich „jene ertragen“ müssen, die niemals produktiv sein werden. Autistische Genetik ist für die Gesellschaft wichtig, weil Biodiversität – in diesem Fall Neurodiversität – wichtig für die genetische Gesundheit jeder Spezies ist. Wir sind wichtig, weil wir existieren, und wir sollten Wertschätzung erfahren, weil wir Menschen sind.

(übersetzt aus „My Autistic Wish List“, 16.12.2015)

Im ersten Teil sollen typische Fettnäpfchen und Strategien dagegen aufgezeigt werden, im zweiten Teil typische Alarmzeichen von Autisten, die im Arbeitsleben zunehmend unglücklich werden. Im dritten Teil wird das Thema Outing angesprochen.

Soziale Fallen im Berufsalltag

Wie in diesem Artikel vom Guardian sehr gut erklärt wird, besteht die Arbeitswelt oft zu einem geringeren Teil aus Fachkompetenz, d.h. aus Inhalten, und zum Löwenanteil aus Sozialkompetenz, es geht um „Office Politics“, um Beziehungen untereinander, über die Hierarchie hinweg, um Standpunkte und Verbündete. Konkurrenzdruck und Wissensvorsprung gehen Hand in Hand. Alle am Wissen teilhaben lassen, mag in einer universitären Umgebung sinnvoll sein, in einem Privatunternehmen ist der bevorzugt, der seinen Wissensvorsprung am längsten für sich behalten kann.

Mimik, Gestik und Körpersprache nicht lesen zu können, den Subtext zu überhören, kann sich als gravierender Nachteil herausstellen. Ein Beispiel:

“Seid ehrlich, seid kritisch, sagt uns bitte, wenn ihr etwas nicht gut findet.” heißt bei mangelnder Fehlerkultur in Wirklichkeit: “Kritik gerne, aber nur dann, wenn berechtigt, und das entscheiden wir!”

Aber auch die eigene Körpersprache und Tonfall können gegen einen arbeiten, etwa bei Krankheit, aber nicht krank auf andere zu wirken. Ein Beispiel:

Während man sagt “ich fühle mich nicht gut, ich weiß nicht, ob ich morgen arbeiten kann”, verzieht das Gesicht unbewusst Grimassen bis hin zu einem Lächeln, was das Gegenüber zur Annahme verleitet “der will nur blau machen und freut sich, dass er morgen daheim bleiben kann”. Und das obwohl man ein schlechtes Gewissen hat, wenn man nur einen Tag krank daheim ist, und sich so unnütz fühlt, und sich immer auf die Arbeit gefreut hat und auch freiwillig länger blieb.

Autisten kommen möglicherweise völlig unangemessen gekleidet zu einer Weihnachts- oder Firmenfeier, weil kein Dresscode angegeben war, und man naiverweise nicht daran dachte, dass Wanderhose und Kapuzenpulli nicht zu einem *****-Restaurant passen.

Der für neurotypische Menschen intuitive soziale Code hat ein viel höheres Gewicht als fachliche Qualifikationen und muss von Autisten erst durchschaut und mühsam erlernt werden, zumal vieles nonverbal abläuft. Es kann bereits für Unruhen unter Kollegen sorgen, wenn man einmal nicht *Guten Morgen* wünscht, weil man gedankenversunken in sich hineingrübelt und gerade keine Mitmenschen ertragen kann.

Strategien gegen soziale Fettnäpfchen und Missverständnisse in der Kommunikation

Im oben erwähnten Beispiel unangemesser Kleidung hätte ein rechtzeitig ausgegebener Dresscode geholfen. Natürlich kann man auch Kollegen fragen, was man anziehen soll, in der autistischen Naivität denkt man leider nicht immer daran.

Allgemein gilt: Je mehr und rechtzeitiger derartige Infos, desto leichter kann sich ein Autist darauf einstellen. Auch wenn es für andere selbstverständlich ist. Nicht nur sagen, dass etwas gemacht gehört, sondern auch bis wann.

Klare Strukturen helfen nicht nur Autisten, sondern allen. Sie schaffen Übersichtlichkeit und Transparenz. Manchmal kommt es vor, dass ein Autist etwas widerwillig erledigt, weil er nicht versteht, was der Sinn ist. Der Sinn kann je nach Aufgabenstellung aus fachlicher Hinsicht nicht nachvollziehbar sein, ist es aber aus wirtschaftlicher Perspektive. Eine sinnvolle Aufgabe wird lieber erledigt als eine, dessen Absicht und Zweck nicht nachvollziehbar sind. Neurotypische Menschen denken seltener darüber über die Sinnhaftigkeit nach. Es gehört gemacht und aus. Warum groß darüber nachdenken?

Autisten neigen eher dazu, Aufgabenstellungen rational anzugehen, ebenso wie Kritik oder ungeliebte Gegenfragen in der Sachebene ausgesprochen, aber auf der Beziehungsebene verstanden werden (s.o.). “Was regt der sich schon wieder auf” versus “ich hab eine Anregung, die Effizienz zu steigern”. Autisten neigen dazu, davon auszugehen, dass der andere eh Bescheid weiß, worum es geht („Theory-of-Mind“-Problem), und natürlich versteht, warum man diese Kritik äußert, und fühlen sich dann vor den Kopf gestoßen, wenn sie hören “der beklagt sich andauernd”, “das sind persönliche Befindlichkeiten”.

Wie viel Aufwand hat der Arbeitgeber?

Nichts verursacht mehr Angst und vorschnelle Ablehnung als das Unbekannte. Wenn Arbeitgeber und Vorgesetzte „Autismus“ hören, haben sie am ehesten die schaukelnden, zurückgezogenen Kanner-Autisten im Kopf, der schreit, sobald man ihn anfasst.

Dieses Vorurteil lässt sich rasch ausräumen, und in Wahrheit ist der Aufwand des Entgegenkommens wahrlich gering, im Vergleich zur Produktivitätssteigerung, die sich dadurch ergibt.

Sensorische Empfindlichkeiten spielen oft eine gewichtige Rolle, also lieber ein kleines Büro statt ein Großraumbüro, geräuschintensive Geräte wie Drucker oder FAX auf den Flur, kein ständiger Durchgangsverkehr neben dem Arbeitsplatz (visuelle Überreizung), Rückzugsorte zu haben (also das Mittagessen nicht zwingend mit den anderen verbringen müssen).

Es ist kein unerfüllbarer Sonderwunsch,

  • sich klar strukturierte Aufgaben und Zeitpläne wünschen
  • rechtzeitig und ausführlich genug informiert zu werden
  • keinen Subtext herauslesen müssen, kein Drumrumgerede, sondern deutlich zu sagen, was gewünscht ist
  • wenn (zusätzlich) eine schriftliche Abmachung besser im Gedächtnis bleibt als eine mündliche

Viele Autisten bevorzugen die schriftliche Kommunikation, weil sie mehr Zeit zum Nachdenken haben, wie sie auf etwas reagieren und wie sie es ausformulieren sollen. Zudem kann eine spontane Reaktion auf eine unerwartete Ankündigung, Aufgabe, Aussage oder räumliche Veränderung negative Emotionen nach sich ziehen, die der Autist nicht kontrollieren kann. Nachdem er die unerwartete Situation durchdacht hat, fällt seine zweite Reaktion wesentlich milder und sachlicher aus – und das gelingt schriftlich nun einmal besser als mündlich. Der Vorgesetzte sollte respektieren, dass für den Autisten schriftliche Kommunikation gleichwertig mit mündlicher ist, und ein “reden wir im Büro darüber” oder gar “ich ruf Dich später an” Stress und Angstzustände erzeugen kann.

Zuletzt gibt es unter dem, was gemeinhin unter Routine verstanden wird, Abstufungen. Manche Autisten bevorzugen immer dieselbe Tätigkeit, selbst wenn es sich um Routinearbeiten handelt, die Kollegen fad und eintönig finden. Manche Autisten möchten sich gerne möglichst frei entfalten können (und landen früher oder später in der Selbständigkeit), und möchten eben nicht nur Routinearbeiten erledigen, sondern suchen die Herausforderung. Selbst dann ist es aber von Vorteil, wenn Strukturen und Zeitplan über längere Zeit gleich bleiben. Und zwischen den “immer dasselbe” und “gerne was Neues” gibt es viele Zwischenformen. Autismus alleine ist also nicht gleichbedeutend mit “kann sich stundenlang auf eintönige Arbeiten konzentrieren”.

Jeder Mensch, ob Autist oder nicht, möchte über seine Stärken wahrgenommen werden. Je besser diese Stärken eingebracht werden können, und entsprechend auch gewertschätzt werden, desto glücklicher der Mitarbeiter. Für Autisten mag das insofern eine noch größere Rolle spielen, weil er sich eher über seine Fachkompetenz (z.B. sein Spezialinteresse) definiert, und weil er tendenziell ein systematisch denkender Mensch ist (Detailversessenheit, Fehlerdetektor, Hang zur Effizienz) – Eigenschaften, die nicht immer beliebt sind, aber an der richtigen Stelle eingesetzt, sehr viel Produktivität erzeugen können. Im Hinblick auf ein Entgegenkommen herrscht vielleicht zu sehr die Angst und die Unwissenheit vor, dass man den ganzen Betrieb umstellen müsse, aber wie oben dargelegt, ist gar nicht so viel notwendig, damit ein autistischer Mitarbeiter seine Leistung bringen kann.

Welche Berufe sind für Autisten geeignet?

Viele Leser denken jetzt vermutlich “ IT-Berufe natürlich. Soziale Berufe weniger“. Meine bisherigen Kontakte mit Autisten, die bisher gelesenenen Biografien und Werdegänge auf Blogs und in sozialen Medien zeigen jedoch ein weitaus vielfältigeres Bild.

Von meinen Buchlektüren her …

Daniela Schreiter (Schattenspringer) ist Comiczeichnerin („Graphic Novel“),
Gabrijela Mecky Zaragoza ist Literaturwissenschaftlerin.
Denise Linke ist Journalistin.
Gee Vero ist Künstlerin.
Christine Preißmann ist Psychologin.
Temple Grandin ist Wissenschaftlerin und Expertin für Viehzucht.
Rudy Simone ist Sängerin und Comedian.

Sonst kenne ich weitere Asperger-Autismus-diagnostizierte Psychologinnen und Ergotherapeutinnen, Zeichnerinnen und Malerinnen, aber auch männliche Autisten, die sprachliche Begabungen aufweisen und mit IT und Technik weniger etwas anfangen können.

Temple Grandin bringt in „The Autistic Brain“ Beispiele für verschiedene Denkertypen (natürlich gibt es auch Zwischenformen), wobei die „visual and pattern thinker“ bei Autisten gehäufter vorkommen:

thinkertypes
Denken in Bildern, Mustern und in Worten/Fakten

Wie man unschwer erkennt, umfasst die Liste weit mehr als nur IT-Berufe. In der Medienberichterstattung, aber auch bei Organisationen, die Autisten in Jobs vermitteln, sickert dieses vollständigere Bild über die Berufsvielfalt unter Autisten nur langsam ins Bewusstsein. Entscheidend für die Berufswahl sind nämlich (meist) die Spezialinteressen, und die können von Computerspielen über Wetter und Menschen bis hin zu Malerei und Buchlektüre reichen. Auf der einen Seite ist es begrüßenswert, wenn Autisten gezielt in IT-Unternehmen vermittelt werden, auf der anderen Seite lasst Euch sagen: Es können noch viel mehr berufliche Richtungen von Autisten abgedeckt werden!

Weitere hilfreiche Tipps auch in diesem Artikel, der introvertierte Menschen im Job beschreibt. (Extrovertierte Autisten gibt es natürlich genauso)

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2 Gedanken zu “Autismus im Beruf (I)

  1. Anika 15. Januar 2016 / 9:35

    Der Wahnsinn. Ich finde mich absolut wieder in diesem Text. Und die Berufe, das sind genau die, welche ich mir genau aussuchen würde. Ich male und zeichne gut, zudem bin recht Wortgewandt, kreativ und brauche Strukturen im Alltag. Der soziale Bereich ist wie im Text beschrieben. Ich finde mich zu 100% in diesem Text wieder, ausgenommen von plattern thinkern. Danke für diesen Text.

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  2. Ariadnefaden 25. Februar 2016 / 16:03

    Hatte mir den Text vor einiger Zeit ausgedruckt und mehrmals gelesen: Eure Gedanken waren sehr nützlich beim Sichten der Stellenangebote.

    Da mir Menschen, Kommunikation und Miteinander immer suspekt waren, wollte ich sie alle verstehen, begreifen und studieren.Das hat dazu geführt, dass ich mit Menschen gearbeitet habe – was mich sonderbarer Weise stärker als die Kollegen zur Erschöpfung gebracht hat.

    Nun muss ich mich ganz neu ausrichten. Ich würd‘ für mich eine vertikale Ellipse über die Felder „Word-Fact-Thinker“ und „Pattern-Thinker“ legen, mit Schwerpunkt auf den ersten Bereich. Es ist ein Anfang. Nun muss ich Stellen finden, am besten über „Vitamin B“, ansonsten wird es schwierig.

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