Spezialinteresse: Wandern

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Nebelstimmung am Zwillingskogel, Oberösterreichische Voralpen

Anlass für diesen Artikel:

Der Schwedische Eishockey-Torhüter Linus Söderström sprach in einem Interview darüber, wie es ist, mit Asperger-Syndrom und ADHS zu leben, und wie sie sein Leben und seine Hockeykarriere beeinflussten.

„Eishockey war schon immer da, wann immer ich Probleme mit Freunden, Familie oder in der Schule hatte. Ich konnte mich immer auf Eishockey verlassen. Es bedeutete alles für mich, Hockey ist mein Leben.“

„Asperger half mir dabei, mich auf dem Eis zu konzentrieren, weshalb ich der sein konnte, der ich sein wollte. Anderen mit dem gleichen Handicap würde ich sagen, dass sie etwas tun sollen, das sie lieben. Du brauchst eine positive Einstellung, um Dir selbst zu helfen. Schreck davor nicht zurück. Es ist eine Stärke. Einfach Spaß haben half mir bezüglich Eishockey.“

Was für ihn Eishockey, wurde für mich Wetter und Wandern. Während ich Wetter zum Beruf machte, was nicht nur Vorteile brachte, habe ich die letzten Jahre mein Wander-Spezialinteresse optimiert.

Ein paar Zahlen:

Von 2004 bis 2010 ging ich 37 x wandern, absolvierte 34 100 hm und 400 km Wegstrecke.

Von 2011 bis 2013 waren es schon 90 Touren, 76 500 hm und 1250 km.

Und 2014 und 2015 zusammen 107 Touren, 95 000 hm und 1500 km.

Eine wachsende Anzahl meiner Wanderungen mache ich inzwischen solo und zunehmend auch auf unmarkierten Steigen oder gleich quer durchs Gemüse.

Wandern ist zu einer ganzjährigen Aktivität geworden, und hat dazu geführt, dass ich bewusster lebe, indem ich z.B. wesentlich seltener den Vormittag verschlafe, sondern disziplinierter meinen Schlafrhythmus überwache und sukzessive zur Lerche mutiere. Dieses Jahr war dann auch zwei Mal die Zugverbindung ab 6.00 kein Problem mehr und ich stand freiwillig um 4.30 auf.

Ich beschäftige mich bewusster mit Ernährung im Alltag und speziell während meiner Touren. Funktionskleidung wird relevant, weil sie Gewicht spart, Schwitzen vermindert und rauen Witterungsbedingungen besser trotzen kann. Ich bin zu einem Experten geworden, was Tourenplanung betrifft; solo gehe ich alles öffentlich, was mir aber auch die Möglichkeit für Überschreitungen lässt (also nicht zum selben Ausgangsort zurückzumüssen). Bus- und Zugzeiten, Einkehrmöglichkeiten, alternative Routen plane ich immer mit ein. Kartenmaterial ist unerlässlich, sowohl Print als auch am Handy.

An freien Tagen, an denen ich nicht unterwegs bin, denke ich also immer wieder über neue Touren nach, und wenn ich auf einem Gipfel schon war, überlege ich mir neue Auf- und Abstiege, um immer etwas Abwechslung hineinzubringen.

Beim Gehen kann ich am besten denken. Es ist (meistens) ruhig, die natürliche Umgebung bietet Abwechslung, ich begegne immer wieder mal Wildtieren. Zurück zu den Ursprüngen. Rückzugsraum, ein „heiliger Raum“, wie es von Andrea Löhndorf in „Anleitung zum Pilgern. Ein Lebensbegleiter“ formuliert ist. Zwar bin ich nicht religiös, doch kann ich die Bedeutung des Wanderns als Refugium trotzdem nachvollziehen. Auch eine Art des Stimmings, der Selbstregulierung, indem ich mich bewusst aus dem hektischen Stadtleben herausnehme.

Ohne mein Asperger hätte ich diese Liebe zu Details nicht, mit der ich gerne Teile meiner Umgebung fotografisch festhalte, etwa besonders geformte Äste oder Bäume, Fernsichten, s/w-Aufnahmen, etc.
Ohne Asperger hätte ich nicht das Bedürfnis, mich gelegentlich von den Menschen zurückzuziehen und nur den Busen der Natur zu spüren.
Ohne Asperger hätte ich den Ehrgeiz nicht, jede meiner Touren akribisch zu dokumentieren und Berichte darüber zu schreiben, und das seit mehreren Jahren mit mehreren tausend Bildern.
Ohne Asperger hätte ich auch nicht das ausgezeichnete Gedächtnis, das mich an einzelne Wegabschnitte erinnern lässt, an Gipfel in der Ferne, an ältere Aufnahmen und an das Wetter, das bei der Tour geherrscht hat.

Wandern hat meinen Ehrgeiz geweckt, nicht zwingend höher (der höchste Berg bleibt bis jetzt der Habicht mit 3277 m in den Stubaier Alpen am 24. September 2009), aber immer kreativer zu werden, was die Wahl meiner Touren betrifft. Der Weg ist oft das Ziel, das Gipfelerlebnis nur ein Teil davon.

Wandern kann ich auch alleine. Viele Touren sind gemeinsam entstanden, und konnte ich dank Gleichgesinnter genießen, doch bin ich nicht von anderen abhängig, wenn der Drang nach Rückzug und Stille, aber auch Bewegung wieder im Vordergrund steht.

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Nebel am Vogelsangberg, Wienerwald
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5 Gedanken zu “Spezialinteresse: Wandern

  1. www.autismus-buecher.de 3. Januar 2016 / 21:40

    Ja, wandern ist einfach super. Obwohl man das bei NTs ja nicht „Spezialinteresse“ nennt… Warum eigentlich nicht? Egal, nennen wir es „Hobby“.
    Ich habe da noch einen Tipp für Dich, der fast zur Sucht ausarten kann: In Norddeutschland gibt es den Harz, ein Mittelgebirge. Dort sind 222 Stempelstellen zu erwandern. Es gibt Stempelhefte, diverse Wandernadeln, Themenhefte zu Geschichte, Landschaften, eine facebook community etc. Dem kann man sich nur schwer entziehen, wenn man mal begonnen hat. Klingt alles irgendwie alt und spießig, macht aber auch für jüngere Menschen Spaß. Ich gehe viele Strecken mit meinem Kleinen 🙂 http://www.harzer-wandernadel.de
    Die Alpen kann man ja auch in Längs- und Querrichtung durchwandern. Die Landschaften sind da auch wirklich beeindruckender. Stempel gibt es auch im Ötztal, dem Kaunertal und den meisten Hütten… Unsere Sammlung wächst 🙂

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  2. www.autismus-buecher.de 14. März 2016 / 23:20

    Hallo Forscher,
    Du kennst Dich doch bestimmt mit Wanderungen im Wiener Wald aus. Ich bin demnächst dort: Welche drei Ziele wären schön zu erwandern? Wenn dann noch um die 10 km mit Einkehrmöglichkeit dabei wären, wäre es optimal (ich wandere nicht allein…sonst dürften es auch mehr KM sein ;-).
    Danke für einen Tipp.
    Gruß
    Michael

    Gefällt 1 Person

    • Forscher 15. März 2016 / 5:58

      Hallo Michael, wenn du ein Auto hast, wären Schöpfl und Peilstein lohnenswerte Ziele, sonst Hoher Lindkogel ab Baden oder Helenental, oder im Nahbereich von Wien (Sofienalpe, Hermannskogel) bzw. Wiental (Troppberg).

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