Denken in Bildern, Thinking in Pictures

Wenn ich so zurückblicke, war mein Denken seit jeher von Bildern dominiert. In den vergangenen 10 Jahren habe ich sehr viele Fallstudien über Wetterphänomene geschrieben, die nichts direkt mit meinem Studium zu tun hatten. Sie weckten bloß meine Neugierde und das Studium trat in diesen Momenten in den Hintergrund. In dieser Zeit entwickelte ich regelrecht einen Hyperfokus in diesen Spezialinteressen. Ich verlor jegliches Zeitgefühl, als ich Fallstudien machte und Erklärungen über Wetterphänomene und Theorien niederschrieb.

Schon die ersten Wochen meines Meteorologiestudiums zeigte meine andere Wahrnehmung. Ich erinnere mich an einen Bildschirm mit aktuellen Satellitenbildaufnahmen in einem getrennten Raum des Instituts. Keiner der anderen Studenten besuchte diesen in dem Jahr, als ich dort studierte. Mich zog der Satellitenbildfilm in seinen Bann, mit den Infrarotaufnahmen der Wolken, die Tiefdruckgebiete und Fronten bildeten und festlegten, wo Hochs und Tiefs lagen. Dann begann ich mit der Analyse dessen, was ich dort beobachtete. Ich versuchte die Position von Warm- und Kaltfronten, von Tiefs und Hochs, von Gewittergebieten und ausgeprägten Trogachsen zu analysieren. Nach zwei Semestern hatte ich über 100 Satellitenbildanalysen in ein Wetterforum geschrieben, und ausführlich erläutert, was ich sah, und was ich mithilfe weiterer Wetterkarten vorhersagen konnte.

Ich brauche visuelles Denken beim Wandern gehen. Da mein Kurzzeitgedächtnis keine ausgeprägte Stärke ist, fotografiere ich sehr viel. Ich brauche Fotos, um mich zu erinnern, benutze sie manchmal auch, um mich daran zu erinnern, wann ich an einem bestimmten Ort war. Die Uhrzeit auf der Uhr nachschauen, ist nicht genug. Daher dienen Bilder als Erinnerungshilfe. Später beim Niederschreiben meiner Wanderberichte kann ich mich an die Orte und Uhrzeiten anhand meiner Bilder erinnern, ebenso den exakten Wegverlauf. Ich vergesse fast niemals Bilder, und weiß meist sofort, wo sie aufgenommen wurden. Bilder sind jedoch nur ein Teil meines Erinnerungsvorgangs.  Viel wichtiger sind Wanderkarten. Ich mag besonders ausgedruckte Karten, die ich mit den Fingern ertasten kann, wo ich etwas mit einem Stift markieren kann. Gewöhnlich schaue ich mir Wanderkarten mehrfach am Tag vor der Wanderung an, um mir die geplante Route einzuprägen (ich habe keine Inselbegabung, einmal anschauen reicht nicht). Die Mischung aus Routen einprägen, Bildern und diese Routen beschreiten verstärken meine Erinnerungsfähigkeit. Wenn ich sie ein zweites Mal gehe, erkenne ich nicht nur bestimmte Details am Wegesrand, wie einen Baum oder einen Baumstumpf, sondern sehe die Wanderkarte vor mir und kann darin aus- und einzoomen, sie verschieben, wie ich es zuhause am Bildschirm mache. Ich merke mir nicht alle Details (ich bin kein Savant), aber genügend, um selbst schlecht markierte Wege wiederzufinden. Ähnlich verhält es sich damit, wenn ich Gipfel bei Fernsicht anhand ihrer Form wiedererkenne. Ich vergleiche die Bilder von den Bergen mit denen im Kopf. Das ist eine echte Herausforderung, wenn man sie aus verschiedenen Himmelsrichtungen oder in der Winterzeit sieht, wenn die Formen durch Schneebedeckung und unterschiedlich angeleuchtete Teile verändert werden. Nachdem ich in den vergangenen Jahren zahlreiche Touren gegangen bin (knapp 150 in 3 Jahren), ist mein Langzeitgedächtnis angefüllt mit Karten, Routen, Bildern und Bergformationen.

Ein letztes Beispiel für visuelles oder detailreiches Denken: Ich geriet zufällig bei zwei Wandertouren in ein Gewitter. Das erste Mal stellte sich als recht peinlich für mich heraus, weil ich wenige Wochen vorher mein Diplom in Meteorologie erhalten hatte. Wie konnte das einem frisch diplomierten Meteorologen passieren? Weil es ein Theoriefreak ist? Vielleicht … Ich war Teil einer größerern Wandergruppe, wir verbrachten die Tage zuvor an der Alpensüdseite und ich hatte keine Gelegenheit mehr, in die Wetterkarten zu schauen, bevor es passierte. Als wir an die Alpennordseite fuhren, hatte ich ein anderes, ein „Schönwetter“-Szenario vor Augen und erwartete diesen massiven Wetterumschwung nicht. Ich sah an diesem Gewittertag verschiedene Wetterphänomene, darunter lokale Windphänomene, Nebelspiele und besonders eine ganz bestimmte Art an mittelhohen Wolken, nur wenige Stunden bevor uns das schwere Gewitter überraschte.

Ein Jahr später widerfuhr mir ein ähnliches Wetterereignis. Ein heißer Sommertag, kein Wettermodell simulierte Niederschlag in diesem Gebiet. Am Vormittag sah ich diese mittelhohen Wolken (genauer gesagt: Altocumulus stratiformis) erneut, jedoch in Gestalt ausgedehnter Wolkenstraßen unter einer – meinem Gedächtnis nach – gut ausgeprägten Absinkinversion, die Aufwärtsbewegungen unterdrücken sollte. Später verschwanden diese Wolken wieder und ein paar Stunden danach bildeten sich verbreitet konvektive Wolken und nachfolgend Gewitter.

Ich schlussfolgerte aus diesen, zum Glück glimpflich verlaufenden Erlebnissen, dass die mittelhohen Wolken als vorlaufende Signale für Gewitter dienen könnten. Das ergibt auch meteorologisch Sinn: Mittelhohe Wolken können sich nicht durch Sonneneinstrahlung bilden (dafür sind sie zu weit oben), sondern benötigen großräumige Aufwärtsbewegungen, die nur durch eine Front oder einen Trog zur Verfügung gestellt werden können. Das Vorhandensein dieser Wolken zeigt also an, dass großräumige Hebung vorhanden ist. Wenn die restlichen Zutaten – genügend Feuchte in der bodennahen Luftschicht und eine instabile Luftschichtung – passen, sind Gewitter wahrscheinlich, und zwar völlig unabhängig davon, was ein Wettermodell uns Glauben machen will. Da die alpinen Regionen typischerweise mehr Feuchte ansammeln als die vergleichsweise trockene und flache Umgebung, von der die 1-2x täglich produzierten Vertikalprofile stammen, weiß ich nun, dass die Freisetzung der Instabilität wahrscheinlicher ist als es stabile Vertikalprofile der Atmosphäre andeuten. Wenn dann zudem noch Altocumulus-Wolken auftauchen, sollte ich darauf gefasst sein, dass lokale Gewitter möglich sind.

Ich überprüfte diese Theorie mehrfach und sie funktionierte nahezu immer als ein Indikator für hochreichende Feuchtkonvektion, nicht zwingend für ein bedrohliches Gewitter. Die Wolkenart hat jedoch einen Haken – sie ist tendenziell nur für kurze Zeit am frühen Morgen oder Vormittag sichtbar. Wer bei einem wolkenlosen Himmel loszieht, und nicht weiter nach oben schaut, übersieht sie also mitunter. Jetzt weiß ich jedoch, was wenige Stunden später geschehen kann und kann meine geplante Tour ggf. umändern oder so anpassen, dass ich einen Unterschlupf auf dem Weg einplane. In den meisten Fällen ist dieser Indikator ein Segen, aber er kann auch zu Fehlalarmen führen. Doch lieber einmal zu vorzeitig abgebrochen als von einem Schwergewitter getroffen zu werden, speziell, wenn man sich in einem Gelände aufhält, wo man nicht entkommen oder ein sicheres Dach über den Kopf bekommen kann.

Zusammenfassung:

Jahrzehntelang wusste ich nicht, warum ich im Vergleich zu meinen Altersgenossen anders bin. Diese erweiterte Wahrnehmung ist oftmals eine Last, wenn zu viele Reize auf mich einprasseln, während ich unter Menschen bin oder meinen Alltag zu bewältigen versuche. Doch kann eine verstärkte visuelle Detailwahrnehmung auch eine echte Stärke sein, eine Begabung. Obwohl mich viel Lärm belastet, brachte mir mein nahezu absolutes Gehör einen Vorteil beim Gitarre spielen.

Wir neigen zu rasch zum Defizitdenken statt auf den Originalzustand zu schauen: eine andere Wahrnehmung – welchen Vorteil kann ich daraus ziehen?

Dieser Text ist bereits zuvor auf Englisch erschienen; I published this text in english before:

In retrospective my thinking is clearly dominated by pictures.

I did VERY much case studies in the recent 10 years about weather phenomena, nothing related directly to my studies, all of them just piqued my curiousity, and studies were not such important in these moments. At these times, I tend to have a hyperfocus on special interests, I got lost in hours of performing case studies and writing explanations on weather phenomena and theories.

I could even start with the very first weeks of studying atmospheric science. I remember a screen with the current satellite imagery in a separate room of the institute. None of the students ever visited it during studying there (one year, then I changed the university). I just got caught by the progressing satellite image and all these infrared clouds on the screen forming lows and fronts, defining lows and highs. Then I started analyzing what I’ve seen in the images. I tried to analyze the position of warm front and cold front, of lows and highs, of thunderstorm areas and distinct trough axes. In the end, I made about 100 of these satellite image case studies in one year, and described in detail what I saw and what I could predict with help of additional weather maps.

I need visual thinking when I go hiking. As my short-term memory is just a pain in the ass, I photograph very much. I need these photographs to remember the time when I was a certain place. I can’t remember clock times just by looking at my watch. So pictures serve as a marker. Later on, when I write my hiking report, where I also put in the best pictures, I’m able to remember the places and clock time by the pictures. I also remember the exact trail by pictures. I almost never forget pictures and if I see a picture, I know from where it is. However, pictures are only part of the memory process. Probably much more important is the map of trails. I love especially printed maps which I can feel with my fingers, where I can denote something with a marker. Usually, I look at these maps a few times the day before hiking, to memorize the course of the trails. Don’t confuse me with a savant – I need more than just one glance! The triad, however, of memorized trails, pictures and actually going these trails enhances the memorizing effect. When I go there another time, it’s not just picture-thinking like “oh, I know this place, I recognize a certain tree or anything prominent” but I see the map of trails in my mind and could zoom in and out, shift it, like I do it at home on the screen. Surely, I can’t identify every tiny detail of the terrain but enough to re-find the trail when seeing it again. Similar memorized thinking is present when I recognize mountains in great distance by their shape. I compare pictures of mountains or in situ views with pictures in my mind. Of course, that’s a big challenge when you see the mountains from a different angle or during wintertime when shapes are modified by snow and differently gleaming areas. I did really a large number of tours in the recent years, so my long-term memory is filled with maps, trails, pictures and mountain shapes.

Last example for visual or detail thinking: I accidently happened to get struck by thunderstorms during two walking-tours. The first one turned out to be quite embarassing for me since I got my master’s degree a few weeks before. How could that happen to a newly graduated meteorologist? Solely because he’s a nerd? Might be… I was part of a larger touring company and could not look into the latest weather maps the days before that happened. In fact, I didn’t expect that scenario and got stuck with an earlier, fair-weather scenario I had in my mind before these days. I saw different weather phenomena this day, wind phenomena, fog phenomena and especially a special kind of mid-level clouds just a few hours before a heavy thunderstorm surprised us. One year later, a similar event happened again. Hot day in summer, no model simulated precipitation in that area.  In the late morning I saw these mid-level clouds again but aligned in flat cloud streets below a – to my mind – well-defined subsidence inversion, preventing them to rise vertically. Later on, these clouds disappeared and few hours later, widespread convective clouds formed followed by another thunderstorm.

I concluded that these mid-level clouds may serve as a preceding marker for thunderstorms. It also makes sense in a meteorological way: Mid-level clouds cannot form by solar radiation but need large-scale upward motion which can only be provided by a front or trough. So if I see these clouds, I know there is large-scale upward forcing. Given all remnant ingredients for thunderstorms,  moisture and instability, thunderstorms will likely form, irrespective of what the model will promise us. As the alpine region typically gathers more moisture than the comparatively dry and flat surroundings where the vertical profiles typically originate from, I know that instabilty is more likely to be released than the stable profile suggests. And if in addition to that, mid-level clouds like Altocumulus are present, I should take the possibility of local thunderstorms into account.

I verified this theory many times in the recent years and it nearly always worked out as a preceding marker of deep-moist convection, not necessarily at a threatening thunderstorm. Whenever I’ll see these kind of clouds in the mountains, and they tend to be visible only in a short time frame in the morning, I know what could happen a few hours later and I need to be prepared or to reroute my planned tour. That’s fairly a gift in many occasions but it could lead to false alarms, too. I don’t take it too seriously: Better a false alarm then struck by a severe thunderstorm in an area where you can’t escape or seek for a shelter.

To summarize:

For decades, I did not know why I’m different compared with peers. Enhanced perception is oftentimes a burden when too many sensory stimuli affect socialising and everydaylife but enhanced detail perception in a photographic sense could be a real strength, a gift. Although too much noise is really detrimental for me, I had an advantage during playing the guitare hearing with a nearly absolute hearing. We tend to think too fast in deficits instead of looking at the pure original state: different perception – how can I use it as an advantage?

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Ein Gedanke zu “Denken in Bildern, Thinking in Pictures

  1. atarifrosch 21. Dezember 2015 / 22:44

    Ich brauche Fotos, um mich zu erinnern, benutze sie manchmal auch, um mich daran zu erinnern, wann ich an einem bestimmten Ort war.

    Mir geht es genauso! Das mit den Landkarten kann ich allerdings nicht, ganz im Gegenteil. Ich bin – auch mit vorher angeschauten Karten – legendär orientierungslos. 😉

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