Gee Vero: Autismus -(M)Eine andere Wahrnehmung

In ihrem 2014 erschienenen Buch über Autismus beschreibt Gee Vero, Künstlerin und freie Referentin für Autismus, nicht nur ihren eigenen Asperger-Autismus, sondern auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum frühkindlichen Autismus ihres (nonverbalen) Sohnes.

Im Gegensatz zu vielen Autismus-Biographien schlüsselt Gee Vero das Buch in die verschiedenen Aspekte von Autismus auf, beginnt mit Wahrnehmung und Reizen, erläutert die Schlüsselrolle der Amygdala, die bei vielen Autisten schon dann Gefahr meldet, wenn Nichtautisten keine Gefahr erkennen, und beschreibt Kompensationsstrategien wie inneres und äußeres Stimming (selbststimulierendes Verhalten).

Ein wichtiges Kapitel stellt die Kommunikation dar, die sie bei sich und bei ihrem Sohn erläutert. 70 % läuft nonverbal ab, 23 % wird über den Tonfall transportiert, nur 7 % über das Gesprochene. Autisten haben besondere Schwierigkeiten mit der Interpretation von Tonfall und nonverbalen Signale, so entgehen wichtige Anhaltspunkte, um Ironie oder Sarkasmus zu verstehen, oder auch zwischen den Zeilen zu lesen. Ihr Sohn kommuniziert durch Mimik und Gestik. Nicht sprechen zu können, bedeutet nicht, Gesprochenes nicht zu verstehen.

Das zentrale Kriterium für Autismus ist die veränderte Sinneswahrnehmung, so geht sie ausführlich auf die fünf Sinne, auf Körperwahrnehmung und Zeitwahrnehmung ein, Theorie of Mind und Selbst/Fremdwahrnehmung werden ebenfalls erklärt.
Besonders gut gefällt mir auch ihr „ABC der Strategien und Hilfsmittel“, z.B. auf S. 192:

J wie Ja zu Autismus – positives Denken und Handeln

Autismus positiv sehen. Die Potenziale sehen und nutzen und bei den Defiziten, die vorhanden sind effektiv helfen. Autismus ist weder eine Krankheit noch hoffnungslos. Es ist ein durch eine andere Wahrnehmung bedingtes Anderssein. Leben mit Autismus und auch mit autistischen Menschen stellt andere Herausforderungen an uns und unsere Mitmenschen, aber es ist machbar. Was autistische Menschen dringend brauchen, sind Toleranz, Verständnis und Akzeptanz.

In Summe für mich ein positives Fazit aus mehreren Gründen:

Gee Vero besitzt eine äußerst bildhafte Sprache, spricht von „Erfahrungs- und Erwartungszahnrädern“, sie vergleicht das autistische Gehirn mit einer Firma und welche Vorgänge ablaufen, wenn Signale empfangen und verarbeitet werden müssen. Sie sagt, dass Autisten nicht falsch reagieren, sondern auf die Warnsignale ihrer übersteuerten Amygdala, die selbst dort Gefahren sieht, wo keine real vorhanden sind, etwa sich in Menschenmengen bewegen, was bereits hohen Stress verursachen kann. Diese Amygdala ist aber nicht unveränderlich, man kann sehr wohl trainieren und lernen, dass nichts passiert und die Angst verringern.

Sehr wichtig ist auch die Betonung der Stimmingwerkzeuge, als Selbstregulierung von zu viel Stress, um etwa Vorträge und längeren Aufenthalt unter Menschen ertragen zu können.

Außerdem finde ich es gut, wie sie den frühkindlichen Autismus ihres Sohnes erläutert. Als Autistin kann sie das in meinen Augen besser erklären als nichtautistische Eltern. Ich denke, dass man die Unterschiede zu Asperger erkennt, aber auch, dass man Kanner- und Asperger-Autismus nicht als zwei völlig getrennte Autismusformen betrachten darf. Sie schreibt auch zur Einleitung

„Elijah ist wohl, was die Gesellschaft gerne als „schwerer betroffen“ bezeichnet, obwohl seine Grundprobleme die gleichen wie die meinen sind.“

und betont später

„Vergleicht man Autismus mit nicht-autistischen Wahrnehmungen, dann kann man nur zu einem Ergebnis kommen, nämlich, dass Autismus eine andere Wahrnehmung ist, aber noch lange keine falsche.“

Gee Veros Buch schafft den Brückenschlag zwischen wissenschaftlichem Buch und Autobiographie, und gibt vor allem eine Reihe von Bewältigungsstrategien für den Alltag in die Hand, mitsamt Erklärungen, die auch Nichtautisten das Wesen des Autismus verständlich näher bringen können.

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