Stressfaktoren (und Bewältigung?)

Unter positivem Stress funktioniere ich schneller und gelange eher in den Hyperfokus, wo ich sehr konzentriert und effektiv arbeiten kann. Unter negativem Stress arbeitet mein Betriebssystem langsamer. Negativer Stress ist durch die andere Wahrnehmung bedingt, aber auch durch sozialen Stress. Dadurch ist das Stresslevel in meinem Grundzustand ständig erhöht und entsprechend addiert sich jeglicher sonstiger Stress. Ich spielte fast die gesamte Schulzeit hindurch Akustikgitarre und hatte auch Unterricht. Feinmotorische Handlungen verursachten Stress, am meisten das Aufziehen neuer Saiten, die Saite durch die Ösen führen, an beiden Seiten die Knoten machen. Meine Hände waren dabei oft so stark verschwitzt, dass ich mehrfach abbrechen, abtrocknen und wieder anfangen musste. Und das war nicht einmal vor Publikum! Je länger ich spielte, desto stärker wurde das Lampenfieber vor Auftritten. Meinen letzten Auftritt mit zwei Stücken holperte ich so dahin, weil ich so aufgeregt und verschwitzt war, dass ich das Griffbrett nicht mehr richtig angreifen konnte. Danach wollte ich mir das nicht mehr antun. Menschen sind die Hauptstressverursacher. Das kann ein (unerwarteter) Telefonanruf sein, allgemein Menschenmassen, sich hektisch bewegende Menschen. Kinder, die ständig hin und her laufen, schreien, weinen, jammern. Besonders grelle-hochfrequente Töne, etwa auch die akustischen Signale, wenn sich in öffentlichen Verkehrsmitteln die Türen schließen. Rettungssirenen, rückwärts fahrende Laster. Manchmal addieren sich soziale Situationen und offene Reizfilter. Etwa, wenn in einem überfüllten Bus oder Tram jemand noch unbedingt telefonieren muss, genauso an der Kasse oder neulich im Warteraum am Flugschalter. Ich hab spätestens dann den Jackpot erwischt, wenn ich selbst nachdenken muss, wenn ich etwas durchzuplanen habe, und Entscheidungen treffen muss. Wenn dann zu viele Menschen um mich herum sind, zu viele intensive Gerüche, Bewegungen, Geräusche, und DANN noch jemand Belangloses Zeug ins Telefon plärrt, ja, dann ist der Overload perfekt.

Die beste Erholung vom Overload ist Rückzug, im Speziellen Schlafen. Viel Schlaf hilft. Und in dieser Zeit möglichst nicht angesprochen, angerufen oder sonstwie gestört werden. Neulich hatte ich einen klassischen Overload: Ich stand in der überfüllten S-Bahn, konnte mich nicht einmal richtig umdrehen, ohne jemanden zu berühren und umgekehrt. Vier Frauen schnatterten und kicherten in einem Tonfall, der meine kritische Frequenz traf. Ich konnte mich nicht entziehen, weil ich nicht vorher aussteigen konnte, stieg dann aber bei der nächsten Gelegenheit aus, und nahm die nachfolgende, leere S-Bahn. Dann Supermarkt, elektronisches Jingle Bells-Gedudel in der kritischen Frequenz. Schnell raus, rein in die U-Bahn, wieder zu viele Menschen. Umsteigen nach vier Haltestellen. Möchte eigentlich zu meiner Straßenbahn, dann aber spricht mich jemand an „Excuse me?“, wo ich inmitten des Fluchtinstinkts bin, er reißt mich aus den Gedanken, ich schüttle den Kopf und nehme den falschen Ausgang. Um mich herum Gewusel. Bis ich endlich beim richtigen Ausgang bin, fährt meine Straßenbahn vor der Nase weg. 10 Minuten Warten. Erst dann – endlich – bekomme ich sogar noch einen Sitzplatz, und fahre ohne Zwischenstopp nach Hause. Nebenher hatte ich eine wichtige Nachricht erhalten, über die ich konzentriert nachdenken musste. Das ging in der Umgebung nicht. Zwar setzte ich Kopfhörer auf und hörte meine Musik, doch selbst diese störte mich in diesem Augenblick. „Ich möchte doch nur nach Hause…“, dachte ich mir verzweifelt, und jeder Mensch in der Umgebung war einer zuviel.

Im Erschöpfungszustand nach dem bzw. im Overload sind meine Reaktionen verlangsamt. Das kann zur Folge haben, dass selbst einfache soziale Höflichkeitsregeln nicht mehr funktionieren. Begrüßen, verabschieden, fragen, wie es einem geht, Hilfe anbieten, reagieren statt wie gelähmt zuzusehen. Das ist keine bewusste Unhöflichkeit, sondern Folge eines nicht voll funktionstüchtigen Betriebssystems. Wie zu viel temporäre Dateien, die den Prozessor verlangsamen.

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Ein Gedanke zu “Stressfaktoren (und Bewältigung?)

  1. wusselswelt 30. November 2015 / 16:30

    Moin,

    der Post könnte von mir gewesen sein. Es sind vielleicht andere Faktoren, die Stress und Overload verursachen, aber die Auswirkungen sind praktisch identisch. Ich brauche viel Schlaf (hab ich schon als Kind gebraucht) und viele Erholungspausen zwischendurch.

    Overloads werden bei mir hauptsächlich durch fehlenden Reizfilter (optisch und akustisch) und durch sozialle Prozesse hervorgerufen, die ich nicht verstehe oder die mich belasten. Dann ist auch brauchbares Denken nicht mehr möglich. In so einem Fall werde ich so langsam, dass ich teilweise mehrere Minuten brauche, um eine simple Entscheidung zu treffen, wenn ich sie überhaupt treffen kann.

    Anders ist es bei plötzlichen optischen oder akustischen Reizen. Da kann es vorkommen, dass ich sofort „umfalle“, also zitternd irgendwo in der Ecke sitze und mich nicht mehr sinnvoll bewegen kann. Das ist in großen Supermärkten schon mal vorgekommen. Das Denken, also das logische Denken wird davon aber offensichtlich viel weniger beeinträchtigt. Ist schon vorgekommen, dass ich eine halbe Stunde irgendwo gesessen habe, mich nicht mehr äußern konnte, zu keiner sinnvollen Bewegung fähig war und trotzdem völlig klar über die Situation nachdenken und analysieren konnte. Das tut weh…

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