Sport und Autismus: (m)eine Erfolgsgeschichte

Ich lernte erst im Alter von neun Jahren Rad fahren, hatte mit Motorik und Koordination große Probleme. Turnen war für mich ein Horror. Reckturnen, am Barren, wie macht man eine gerade Rolle vorwärts? Und rückwärts?  Reckstangen. Vorturnen? Kribbeln am ganzen Körper, Unruhe, vor Aufregung nichts essen können vor dem Sportunterricht und dann Unterzuckerungsanfälle bekommen. Beim Sprint oft zu langsam, beim Weitwurf und Weitsprung – wie koordiniert man noch einmal das rechtzeitige Stehenbleiben bzw. Abspringen? Ich sprang immer sehr geringe Weiten, weil ich mich so darauf konzentrieren musste, rechtzeitig abzuspringen, dass ich nicht auf den nötigen Schwung achtete. Kugelstoßen… eine zu komplexe Bewegung. Teamsport? Wahrscheinlich ein Horror für fast jeden Autisten, denn wer mag schon jemanden im Team haben, der sich wegdreht, sobald der Ball auf ihn zugeflogen kommt? Ich dachte jahrelang, das sei, weil ich Brillenträger bin. Handball, Volleyball, das schied entsprechend aus. Im Fußball fehlte wieder die Koordination, obwohl ich gern spielte. Aber wie bekommt man Praxis, wenn man nie angespielt wird? Klassisch auch die Teamzusammensetzung zu Beginn jedes Spiels. Natürlich wurde ich als Letzter ausgewählt, wobei es sich viel mehr um zugewiesen handelte, da mich keiner haben wollte. Beim Schwimmen das Problem, unter Wasser wegen dem Chlor nicht die Augen öffnen zu können. Springen vom Sprungbrett? Undenkbar. Rückenschwimmen? Angst, dabei zu ersaufen. Koordination beim Brustschwimmen eher so mäßig. Arme bewegen geht, aber die Beine so dazu, dass es eine flüssige Bewegung ergibt, die mich vorwärts treibt? Nein.

Wenn ich den Sportunterricht rekapituliere, dann war es eine traumatische Erfahrung, die vom bayrischen Schulsystem noch gefördert wurde, weil der Notenschlüssel vom Alter abhing, und nicht von der körperlichen Konstitution bzw. Größe. Ich war in meiner Klasse einer der ältesten, aber zugleich der zweitkleinste. Entsprechend waren die geforderten Zeiten, Strecken und Distanzen unerreichbar für mich. Hinzu kamen die motorischen Schwierigkeiten und schlicht die mangelnde Muskelmasse.

Unter diesen geschilderten Voraussetzungen erscheint es undenkbar, dass ich mich je wieder mit Sport befasst hätte. Doch mein ungebrochener Wille gab einen anderen Lebensweg vor.

Noch während der Schulzeit machte ich dank zweier netter Sportlehrer bei einem Schultriathlon mit. Zur Vorbereitung ging ich innerhalb drei Monaten die Ironman-Distanz (180 km Radfahren, 42 km Laufen und 3,8 km Schwimmen, der Wettkampf selbst bestand aus 400 m Schwimmen, 11 km Radfahren und 3 km Laufen. Ich schloss erschöpft, aber überglücklich als 17. von 18 Teilnehmern ab. Dabei sein war alles!

Zwar lernte ich erst spät Radfahren, fuhr aber seitdem ständig Rad und machte auch den Führerschein ein Jahr später als alle anderen. Ich fuhr bei jedem Wetter die 4,2 km zur Schule (führte damals schon ein Notizbuch über meine Zeiten und Maximalgeschwindigkeiten), im Winter bei starkem Ostwind und eisigen -8 Grad, im Sommer bei Hitze, aber auch bei Regen. In gewisser Weise ersparte ich mir dadurch das jahrelange Gedrängel am Schulbus, der oft überfüllt war. Später genoss ich aber auch einfach die Bewegung, die Natur und die Unabhängigkeit.

Im Studium fuhr ich weiterhin Rad, wenn auch nicht mehr so häufig am ersten Studienort, nach der Übersiedlung nach Innsbruck wieder wesentlich häufiger, weil die Vorlesungsorte auseinander lagen und ich öfter pendeln musste. So summierten sich pro Tag durchaus bis zu 20 km, sodass ich mein Pensum pro Jahr vorübergehend auf über 1000 km steigern konnte. Während dem Studium entdeckte ich zudem meine Liebe zum Wandern. Seitdem habe ich Ausdauer, Kondition, Schwierigkeit und Kreativität beim Bergwandern stetig gesteigert und gehe inzwischen das ganze Jahr, jedes Monat, sofern es mir die Freizeit und das Wetter erlauben.

Zum Bergwandern hinzu kam vor drei Jahren das Bouldern, wenngleich ich derzeit bis zur Absolvierung eines Boulderkurs ausgesetzt habe. Auch Klettersteige (bis Schwierigkeit B) habe ich ausprobiert. Allgemein liegt mir das leichte Felsklettern sehr. Ich taste und fühle den Fels ab, bis der Griff sitzt. Wenn ich richtig in Fahrt komme, klettere ich wie eine Katze aufwärts. Solange man dabei nicht nach unten schaut, ist alles in Butter. Was speziell das Klettern und Bouldern lehrt, ist eine verbesserte Körperwahrnehmung. Seine Gliedmaßen richtig zu spüren und deren Länge einzuschätzen, wenn man in der Kletterhalle nach dem nächsten Griff sucht. Den Körperschwerpunkt verlagern, das Hohlkreuz ausbalancieren. Muskelgruppen verwenden, von deren Existenz man bis zum ersten Muskelkater nicht einmal etwas wusste. Ich fing eigentlich mit dem Bouldern an, weil ich mir vor ein paar Jahren beim Radfahren das Kreuz verrissen hatte und mehrere Monate ständig Schmerzen hatte und die 0815-Therapien der Krankenkasse nichts halfen. Später entdeckte ich erst, dass es sogar therapeutisches Klettern gibt. Seit ich anfing zu klettern, sind die Rückenschmerzen weg. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade für Autisten mit größeren motorischen Problemen das Klettern sehr geeignet ist, sofern keine taktilen Überempfindlichkeiten gegenüber den Griffen bzw. dem Magnesiumpulver herrschen.

Neben Radfahren, Schneeschuhwandern, Bergsteigen und (einfachem) Klettern habe ich meine Liebe für das alleinige Wandern in der Natur entdeckt. Statt schwierige Gipfel wähle ich immer öfter lange Strecken mit mehrfachem Aufundab. Ein ausgezeichnetes Ausdauertraining, und alleine in der Natur auf einsamen, manchmal unmarkierten Wegen unterwegs zu sein, gibt mir viel Erholung. Weg vom Stadtlärm, von Menschenmassen, dafür gelegentliche Sichtungen von Waldtieren, bei meinen Wanderungen dieses Jahr v.a. Rehe, Gämsen und Steinböcke. Ich genieße die Fernsichten, das Fotografieren und die spannenden Wetterabläufe und -anzeichen. Sport und Spezialinteressen in Symbiose.

Andere Sportarten, die mir wegen Koordination und trickreichem Nachdenken gefielen, mangels Trainingspartner aber nie häufiger betreiben konnte, waren Bowling und Billard. So gesehen hat das Wandern den großen Vorteil für mich, nicht auf andere dafür angewiesen zu sein. Mithilfe der öffentlichen Anreise stehen mir viel mehr Möglichkeiten offen, als Autofahrer oft denken, und ich habe inzwischen durchaus eine beträchtliche Kreativität bei der Routenführung entwickelt.

In Summe habe ich das schulische Sportunterrichtstrauma überwunden, habe meine sportliche Erfüllung abseits von Teamsports- bzw. Vereinsportarten gefunden. Luft nach oben ist immer. Mehr Sport, weniger Computer, aber ich sehe hier noch Steigerungspotential. Sport und Autismus schließen sich trotz schwieriger Anfangsbedingungen nicht aus, nur sind es vielleicht nicht immer die Sportarten, die für neurotypische Menschen als erstes in den Sinn kommen (Mannschaftssport, Wettkampf, etc.). Und natürlich hängt es auch davon ab, wie stark die motorischen Einschränkungen ausgeprägt sind.  Das ist eben individuell verschieden, wie alle autistischen Symptome.

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